70 Jahre UN-Friedensmissionen

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war von zwei zerstörerischen Weltkriegen geprägt. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen wurden 1945 die Vereinten Nationen gegründet. Die Organisation sollte eine friedlichere Welt schaffen und „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges bewahren". Die Friedenssicherung ist deshalb eine der Hauptaufgaben der UN. In zahlreichen Konflikten weltweit den Frieden zu wahren, zählt zu den größten Errungenschaften der Organisation. Das häufigste und bekannteste Mittel der Friedenssicherung (peacekeeping) durch den UN-Sicherheitsrat ist die Entsendung von UN-Friedensmissionen. Mit dem Einsatz von unparteiischen Friedenstruppen, den sogenannten Blauhelmen, sollen Spannungen in einem Konflikt abgebaut und eine Eskalation der Gewalt verhindert werden. 

UN-Beobachter und Offiziere der Arabischen Liga beraten sich 1948 im Hauptquartier der Friedensmission UNTSO in der American School in Jerusalem.
UN-Beobachter und Offiziere der Arabischen Liga beraten sich 1948 im Hauptquartier der Friedensmission UNTSO in der American School in Jerusalem. Quelle: UN Photo/LM

Die erste Mission: Israel/Palästina

Im Juni 1948 wurden erstmals Soldaten unter der blauen Flagge der Vereinten Nationen in einer Friedensmission (UNTSO) eingesetzt. Zunächst überwachte die UNTSO nur die nach dem Krieg 1948/49 zwischen dem neu gegründeten Staat Israel und seinen arabischen Nachbarn geschlossenen Waffenstillstände. Nach der Suez-Krise 1956, dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 wurde die Arbeit der Mission den veränderten Gegebenheiten angepasst. Sie soll als neutraler Partner beider Seiten fungieren und ist vor allem darum bemüht, kleinere Zwischenfälle nicht eskalieren zu lassen. Das UNTSO-Personal bildet auch ein schnell verfügbares Reservoir für andere Missionen im Nahen Osten. Derzeit besteht die Mission aus 142 militärischen Beobachtern sowie 235 internationalen und lokalen Zivilkräften. Seit 1948 kamen 50 Missionskräfte bei ihrer Arbeit ums Leben.

Uruguayische MONUSCO-Friedenssicherungskräfte patrouillieren im Dezember 2013 in der Stadt Pinga in der Provinz Nord-Kivu.
Uruguayische MONUSCO-Friedenssicherungskräfte patrouillieren im Dezember 2013 in der Stadt Pinga in der Provinz Nord-Kivu. UN Photo/Sylvain Liechti

Die größte Mission: Demokratische Republik Kongo

Mit über 18 000 Uniformierten (Soldaten, militärische Beobachter und Polizisten), 3400 zivilen Mitarbeitern und einem Jahresbudget von rund 1,4 Milliarden US-Dollar ist die UN-Friedensmission MONUSCO in der Demokratischen Republik Kongo der gegenwärtig größte Einsatz der Vereinten Nationen weltweit. Ziel der Mission ist es, die Zivilbevölkerung und das humanitäre Personal in den von Rebellengruppen bedrohten östlichen Regionen zu schützen, wenn nötig mit militärischen Mitteln. In den ersten Jahren mussten die Vereinten Nationen jedoch immer wieder Rückschläge hinnehmen. Als es am 20. November 2012 Rebellen der Gruppe M23 gelang, innerhalb weniger Stunden die Kontrolle in der Provinzhauptstadt Goma zu übernehmen, beschloss der Sicherheitsrat im März 2013 erstmals den Einsatz einer Interventionsbrigade. Sie soll die kongolesische Regierungsarmee FARDC bei der Niederschlagung der Rebellengruppen unterstützen. Der deutsche Diplomat Martin Kobler leitet ab Juni 2013 als Sonderbeauftragter des UN-Generalsekretärs für die Demokratische Republik Kongo die MONUSCO. Im Oktober 2015 wurde er vom Nigerianer Maman Sambo Sidikou abgelöst.

Unter Leitung von Ausbildern der UN-Friedensmission UNMIT führt die nationale Polizei in Timor-Leste 2007 zum ersten Mal eine Schulung für Polizeikräfte durch.
Unter Leitung von Ausbildern der UN-Friedensmission UNMIT führt die nationale Polizei in Timor-Leste 2007 zum ersten Mal eine Schulung für Polizeikräfte durch. UN Photo/Martine Perret

Die erfolgreichen Missionen : Osttimor

Der Einsatz in Osttimor (offiziell Timor-Leste) gilt als eine Erfolgsgeschichte der UN-Friedenssicherung. 1999 unterstützte die Weltorganisation eine Volksabstimmung in dem von Indonesien annektierten Land und entsandte Friedenstruppen. Das indonesische Militär hatte die Halbinsel in einen katastrophalen Zustand versetzt, wollte sich aus Osttimor aber nicht zurückziehen. Die Folge war ein Bürgerkrieg. Nach der Volksabstimmung wurde Osttimor 2002 endgültig unabhängig, doch erst 2013 zogen sich die UN-Blauhelme ganz aus dem Land zurück. Zuvor mandatierten die Vereinten Nationen über 13 Jahre insgesamt fünf Missionen in Osttimor. Als die Friedenshelfer 2005 vorübergehend abgezogen wurden, führten soziale Spannungen innerhalb der neu aufgebauten Armee zu einem gewaltsamen Konflikt. 37 Menschen starben, etwa 21 000 Einwohner der Stadt Dili flohen aus der Hauptstadt. In dieser schweren politischen Krise sah sich Außenminister José Ramos-Horta gezwungen, um Militärhilfe zu bitten. Auch der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan plädierte gegen einen zu frühen Abzug der Friedenstruppen. Der UN-Sicherheitsrat stimmte daraufhin 2006 der Mission UNMIT zu. Ihr Mandat umfasste eine UN-Truppe, die sich aus mehr als 1600 Polizisten aus 41 Ländern zusammensetzte, sowie mehr als 1000 zivile Helfer aus Osttimor und anderen Ländern. Die Mission hat für enorme Fortschritte gesorgt und den Inselstaat dabei unterstützt, die Regierungsinstitutionen, das Parlament und das Rechtswesen kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Pakistanische Friedenssicherungskräfte (UNMIL) und liberianische Dorfbewohner reparieren im Jahr 2006 eine überflutete Straße in Voinjama, Liberia. UN Photo/Eric Kanalstein
Pakistanische Friedenssicherungskräfte (UNMIL) und liberianische Dorfbewohner reparieren im Jahr 2006 eine überflutete Straße in Voinjama, Liberia. UN Photo/Eric Kanalstein

Die erfolgreichen Missionen: Liberia

Im Jahr 2005 stellte der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan fest: In den letzten 15 Jahren wurden mehr Bürgerkriege mit Verhandlungen beendet als in den 200 Jahren zuvor – meist mit Hilfe der Vereinten Nationen. Doch nach nur fünf Jahren rutscht die Hälfte der Länder wieder in die Gewalt zurück. Das unterstreiche die Verantwortung der internationalen Gemeinschaft, Staaten und ihren Völkern beim schwierigen Weg vom Krieg zu halbwegs stabilem Frieden zu unterstützen. Beispielhaft für diese friedens- und sicherheitspolitische Herausforderung steht das westafrikanische Liberia. Das Land wurde in zwei Bürgerkriegen weitgehend zerstört. Etwa 150 000 Menschen kamen dabei ums Leben, mehr als 60 Prozent der Frauen wurden vergewaltigt, ein Drittel der Bevölkerung wurde zu Flüchtlingen. Zurück blieben eine massiv zerstörte Infrastruktur, immense Armut und tausende traumatisierte Menschen. Die UN-Friedensmission in Liberia (UNMIL) wurde am 19. September 2003 eingerichtet. Sie sollte Zivilpersonen schützen und humanitäre Hilfsleistungen unterstützen. Daneben half sie der Regierung von Liberia, die Justiz- und Sicherheitsinstitutionen zu reformieren. Trotz der politisch stabilen Lage seit dem Ende des knapp 14-jährigen Bürgerkriegs 2003 steht Liberia weiterhin vor enormen Herausforderungen. Die Präsenz der Vereinten Nationen schafft Vertrauen und soll dazu beitragen, die Grundlagen für ein stabiles Liberia zu schaffen. Derzeit sind bei der UNMIL über 3700 Uniformierte eingesetzt, davon gut 2600 Soldaten und 630 Polizisten. Ab Mai 2015 stellte Deutschland mit Brigadegeneral Dirk Faust für ein Jahr den stellvertretenden Befehlshaber der Mission. Ab dem 30. Juni 2016 haben die Vereinten Nationen die Sicherheitsverantwortung an die liberische Regierung übergeben. Die Soldaten werden sich nun schrittweise abgezogen. 

Flüchtlinge aus Sierra Leone kehren im Jahr 2006 nach knapp einem Jahrzehnt vom Flüchtlingslager Camp David in Liberia zurück und warten auf den UNHCR, der sie in ihre Dörfer bringen soll.
Flüchtlinge aus Sierra Leone kehren im Jahr 2006 nach knapp einem Jahrzehnt vom Flüchtlingslager Camp David in Liberia zurück und warten auf den UNHCR, der sie in ihre Dörfer bringen soll. UN Photo/Eric Kanalstein

Die erfolgreichen Missionen: Sierra Leone

Die Mission der Vereinten Nationen in Sierra Leone (UNAMSIL), die Ende 2005 beendet wurde, gilt als Modell für die neue Ausrichtung der UN auf die Friedenskonsolidierung. Nach einer militärischen Intervention durch britische Truppen im Jahr 2001 half die UNAMSIL dabei, 75 000 Kämpfer zu entwaffnen. UN-Blauhelme sanierten Straßen, renovierten und errichteten Schulen, Kirchen und Kliniken und riefen landwirtschaftliche Projekte und Wohlfahrtsprogramme ins Leben. Die Mission unterstützte Sierra Leone dabei, die Bürgerrechte sicherzustellen und die Verantwortlichen für schwere Verletzungen des humanitären Völkerrechts vor das Sondertribunal für Sierra Leone zu stellen. Die Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft, den elf Jahre dauernden Bürgerkrieg zu beenden und Frieden im Land zu schaffen, ermöglichten es Sierra Leone, eine Übergangsperiode zu Demokratie und verantwortungsvoller Regierungsführung zu beginnen. Seit 2002 verbesserte sich die Sicherheitslage erheblich und das Land arbeitet weiter an der Konsolidierung des Friedens und an der nationalen Aussöhnung. Eine neue Mission – das Integrierte Büro der Vereinten Nationen in Sierra Leone (UNIOSIL) – wurde vom Sicherheitsrat eingerichtet, um bei der Festigung des Friedens mitzuwirken. 

Die Friedensmission UNAMIR verteilt Essen an Kinder, die ihre Eltern im ruandischen Völkermord verloren haben.
Die Friedensmission UNAMIR verteilt Essen an Kinder, die ihre Eltern im ruandischen Völkermord verloren haben. UN Photo/John Isaac

Die gescheiterten Missionen: Ruanda

Der Völkermord in Ruanda gehört zu den dunkelsten Kapiteln der UN-Friedenssicherung. Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts war die Situation zwischen den beiden Volksgruppen in Ruanda angespannt. In den 1990er Jahren entbrannte schließlich ein offener Bürgerkrieg zwischen der Hutu-Mehrheit und der Tutsi-Minderheit. Als im April 1994 das Flugzeug des Präsidenten Juvénal Habyarimana über der Hauptstadt Kigali abgeschossen wurde, eskalierte die Situation. In nur 100 Tagen ermordeten Hutu-Milizen etwa 800 000 Tutsi und gemäßigte Hutu. Die UN-Mission für Ruanda UNAMIR war ursprünglich im Land zur Überwachung von Friedensverhandlungen nach dem Bürgerkrieg zwischen der „Front Patriotique Rwandais“ und dem Regime Habyarimanas. Doch trotz mehrfacher Aufforderung durch General Roméo Dallaire, dem Kommandeur der 2500 Blauhelme in Ruanda, unternahmen die Vereinten Nationen nichts, um dem Töten ein Ende zu setzen. Kofi Annan, damals noch Leiter der Abteilung für Friedensmissionen und später UN-Generalsekretär, ordnete stattdessen den Rückzug der Truppen bis auf 270 Soldaten an. Später bezeichnete er diese Entscheidung als eine der schlimmsten Fehlentscheidungen der Vereinten Nationen. 

Die gescheiterten Missionen: Bosnien-Herzegowina

Das Massaker in Srebrenica im Juli 1995 gilt als ein weiterer Tiefpunkt der UN-Bemühungen zur Friedenssicherung. Anfang der neunziger Jahre waren die Vereinten Nationen mit dem Zerfall des jugoslawischen Staates konfrontiert, der zu einer Reihe ethnisch motivierter Bürgerkriege auf dem Balkan führte. Der längste davon fand in Bosnien-Herzegowina statt, wo sich dreieinhalb Jahre lang orthodoxe Serben, katholische Kroaten und muslimische Bosniaken bekämpften. Durch „ethnische Säuberungen“ versuchten die einzelnen Volksgruppen, ihre Gebietsansprüche durchzusetzen. 60 000 NATO-Soldaten marschierten daraufhin unter UN-Mandat in das Land ein. Doch als im Juni 1995 Serben die ostbosnische Stadt Srebrenica eroberten und begannen, muslimische Männer und Jungen von ihren Frauen zu trennen und abzutransportieren, griffen die dort stationierten Blauhelmtruppen nicht ein. Das Mandat der UNPROFOR-Mission verpflichtete sie zur Neutralität und erlaubte nur die Überwachung der Einhaltung von Waffenstillständen und die Selbstverteidigung. Die Selektion in der UN-Schutzzone endete mit einer Massenhinrichtung: 8000 muslimische Männer und Jungen wurden ermordet. Das Massaker gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Luis Miguel Carrilho, Polizeichef der Friedensmission MINUSCA, grüßt ein Kind auf einer Patrouille durch die Straßen Banguis.
Luis Miguel Carrilho, Polizeichef der Friedensmission MINUSCA, grüßt ein Kind auf einer Patrouille durch die Straßen Banguis. UN Photo/Nektarios Markogiannis

Die jüngste Mission: Zentralafrikanische Republik

Seit dem 15. September 2014 wird die französischen Militäroperation Sangaris in der Zentralafrikanischen Republik durch Blauhelme der UN-Friedensmission MINUSCA unterstützt. Ziel ist, die politische Situation zu befrieden, die Sicherheitslage zu stabilisieren und die humanitäre Hilfe voranzutreiben. Seit dem Putsch im März 2013, bei dem Präsident François Bozizé gestürzt und vertrieben wurde, ist die Zentralafrikanische Republik Schauplatz von Gewalttaten christlicher und muslimischer Milizen. Tausende Menschen kamen dabei bereits ums Leben, fast eine Million sind auf der Flucht. Das Mandat des UN-Sicherheitsrats sieht eine Truppenstärke von insgesamt 13 000 Soldaten und Polizisten vor und löst die MISCA-Mission ab, die von der Afrikanischen Union angeführt wurde. MINUSCA stand zuletzt im Fokus, da Blauhelme vermehrt in Fälle sexueller Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung involviert waren.

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