Konflikte & Brennpunkte

Côte d’Ivoire - der vergessene Krieg

Das Bild zeigt Frauen auf der Flucht in Cote d´Ivoire

Auf der Flucht: Frauen in Cote d´Ivoire. Foto: UNHCR

Während die Welt auf die Atomkatastrophe in Japan und die Revolutionen in Nordafrika schaut, insbesondere auf die Ereignisse in Libyen, bahnt sich im Westen des Kontinents ein furchtbarer Bürgerkrieg an.

Seit der Präsidentenwahl im vergangenen Jahr kommt es an der Côte d’Ivoire immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Amtsinhabers Laurent Gbagbo und seines Herausforderers Alassane Ouattara, der international und explizit auch von der UN als Wahlsieger angesehen wird. Der Machtkampf dauert nun schon seit Monaten an - die Leidtragenden sind die Bürgerinnen und Bürger.

AU bestätigt Ouattara

Obwohl die Afrikanische Union(AU) in Addis Abebba in einer Sondersitzung ihres Sicherheitsrates am 10. März endgültig Ouattara als Präsidenten bestätigte, ist keine Entspannung der Lage in Sicht. Gbagbo, der den Südteil der Côte d’Ivoire samt der Hauptstadt Abidjan kontrolliert, will Ouattara, der für die Sitzung nach Äthiopien gereist war, nicht mehr ins Land lassen. Ouattara war von den ihn schützenden UN-Truppen ausgeflogen worden. Während seiner Abwesenheit verhängte Gbagbo ein Landeverbot für alle UN-Flugzeuge, so dass Ouattara nur noch mit ausländischem Militärschutz in Abidjan landen könnte. Dies wäre mit einer Intervention verbunden - eine Option, die Nigeria anstrebt, die aber die Gefahr eines lang andauernden Krieges stark erhöhen würde.  

Mindestens 370 Menschen sind nach UN-Angaben seit der ivorischen Wahl vom 28. November 2010 durch die Auseinandersetzungen ums Leben gekommen, die meisten starben durch Angriffe von Gbagbo-treuen Sicherheitsorganen und Milizen.

Ende Februar wollten mehrere hundert Demonstrantinnen auf einem Friedensmarsch Laurent Gbagbo zum Rücktritt auffordern. "Männer in Uniform fuhren heran und begannen, wahllos auf die Frauen zu schießen", berichtete später die Demonstrantin Idrissa Dirrassouba gegenüber Journalisten. Sieben Frauen starben.

Dramatische Flüchtlingssituation

Auch die Flüchtlingssituation wird immer dramatischer. Das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) zeigt sich schockiert über die Ausbreitung der Kämpfe in Côte d’Ivoire, die große Teile der ivorischen Bevölkerung zur Flucht in die Nachbarländer sowie in sichere Teile des Landes zwingt. Die Kämpfe in den vergangenen Tagen in Abidjan waren die heftigsten seit den Präsidentschaftswahlen im November 2010. Als Folge der erbitterten Kämpfe fliehen Hunderttausende. UNHCR geht von mindestens 300.000 Binnenflüchtlingen aus, die aufgrund der Unruhen Abidjan verlassen haben. Hinzu kommen 100.000 Menschen, die im äußersten Westen des Landes nach Liberia flüchten. Mindestens weitere 70.000 sind innerhalb des westivorischen Bergwaldgebietes auf der Flucht, meldete zugleich die Internationale Organisation für Migration (IOM), die nach eigenen Angaben das einzige dort präsente Hilfswerk sind, und kam auf insgesamt 450.000 Vertriebene.

Die Flüchtlinge, überwiegend Frauen und Kinder, sind oft völlig entkräftet. Ihnen fehlen Nahrungsmittel und der Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die UN-Friedensmission ONUCI, das UNHCR und Partnerorganisationen arbeiten nach eigenen Angaben vor allem an der Instandsetzung von Brücken und Straßen, um den Zugang zu den Notleidenden zu verbessern. Direkte Unterstützung bleibt in den umkämpften Gebieten sehr schwierig.

Internationale Reaktionen

Der UN-Sicherheitsrat zeigte sich in einer Erklärung Anfang März „zutiefst beunruhigt“ über die Situation in dem westafrikanischen Staat. Der deutsche UN-Botschafter Peter Wittig betonte, dass die aktuelle Lage „die große Gefahr einer Eskalation mit unabsehbaren Konsequenzen“ für die Menschen in der gesamten Region birgt und forderte die UN auf, eine aktive Rolle in der Unterstützung der UN-Mission UNOCI zu spielen und zur Abschreckung solcher Angriffe über weitergehende Maßnahmen nachzudenken.

Wenige Tage später forderte auch der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen eine internationale Untersuchung der Menschenrechtsverletzungen und verurteilte das Vorgehen Gbagos scharf.

In Deutschland wies Marina Schuster, Sprecherin für Menschenrechte und humanitäre Hilfe der FDP-Bundestagsfraktion und DGVN-Vorstandsmitglied, darauf hin, dass der Internationale Strafgerichtshof Ermittlungen wegen der Gewalttaten in Côte d’Ivoire angekündigt habe und betonte, dass ein drohender Bürgerkrieg in jedem Fall vermieden werden müsse.

Anne Kerlin

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