Syrien

Drei Jahre Schrecken in Syrien

Munitionsreste in einer Straße in Homs

Die Zeitzeugen des Krieges liegen überall in den Straßen Syriens. Wie hier in der im Westen des Landes gelegenen Stadt Homs dauern die Kämpfe auch drei Jahre nach den ersten Protesten weiter an. UN-Foto: David Manyua

Rund drei Jahre nach den ersten Aufständen der Opposition hat sich an der Lage in Syrien nicht viel geändert. Im Gegenteil, auch heute nehmen die Truppen Baschar al-Assads fast täglich syrische Städte unter Beschuss. Am 14. März gelang es der Armee die Rebellenhochburg Jabrud an der Grenze zum Libanon einzunehmen. In ihr lebten noch vor kurzem 50.000 Einwohner. Assad versucht, die Versorgungsleitungen der Aufständischen zu kappen. Mehrere Tausend Menschen flüchteten bereits vor dem Angriff aus Jabrud. Auch in anderen Landesteilen nehmen die Flüchtlingszahlen täglich zu. Dabei sind mindestens die Hälfte der vom Krieg vertriebenen Syrer Kinder und Jugendliche.

"Die Schlacht wird nicht mehr lange dauern, den schwierigsten Teil haben wir schon hinter uns", legte der Vorsitzende der Nationalen Syrischen Koalition, Ahmed al-Dscharba, kürzlich in Istanbul dar, "die Freie Syrische Armee Kämpft entschlossen." Durchhalteparolen wie diese erklingen immer öfter in den Reihen der syrischen Opposition. Sie scheinen alternativlos, bedenkt man die Ablehnung der "Freunde Syriens", die Opposition mit modernen Waffen, wie tragbare Flugabwehrraketen, auszustatten. Gerade in westlichen Staaten wird debattiert, ob Syriens Opposition mit "effektiveren" Waffen ausgerüstet werden sollte. Denn mittlerweile sehen sich die Rebellen mehreren Gegnern ausgesetzt: Regierungstruppen, Terroristen und schiitische Milizionären aus dem Ausland. Unterdessen wurde bekannt, dass für die Opposition bestimmtes Kriegsgerät aus Saudi-Arabien in die Hände radikaler Islamisten des Nachbarstaates Irak gekommen sei. Es handelt sich dabei um Granatwerfer und Panzerfäuste aus kroatischer Produktion. Solche Vorkommnisse bestärken viele westliche Staaten darin, die Lieferung von Waffen an die syrische Opposition abzulehnen. Das Risiko, dass sie in die falschen Hände gelangen, ist einfach zu hoch.

Karte Syriens in orange
Auch die Nachbarstaaten Syriens leiden zunehmend unter den Kämpfen. Ein Großteil der 2,5 Millionen ins Ausland Geflohenen befinden sich heute im Libanon, in Jordanien und in der im Norden liegenden Türkei. Grafik: WHO

Doch der Widerstand gegen Assads System bleibt aufrecht, militärisch wie zivil. Viele Revolutionäre kämpfen weiter für die Vision eines freien, demokratischen Syriens. Dieser Kampf zeigt sich an vielen Orten sehr unterschiedlich. Im Damaskuser Stadtteil Erbin betreiben Aktivisten einen Kulturtreff in dem Medienschulungen und Workshops stattfinden. Auch örtliche Apotheker treffen sich hier, um herauszufinden welche Medikamente zur Verfügung stehen und welche dringend gebraucht werden. In der Stadt Zabadani geben Aktivisten ihre eigene Zeitung heraus. Viele Kriegsverbrechen des Assad-Regimes werden darin detailliert aufgelistet. In der Provinz Daraa werden zerstörte Schulen wieder aufgebaut und neue Lehrpläne entwickelt. Andere übermalen extremistische Parolen an Häuserwänden. Viele Syrer lassen sich nicht unterkriegen. An vielen Orten finden immer noch wöchentlich Demonstrationen statt, oft im Anschluss der Freitagsgebete. Zwar sind sie zahlenmäßig eher unbedeutend doch können noch so viele Fassbomben Assads dieses zivile Engagement nicht ersticken. Das Selbstbewusstsein vieler Syrer steht dennoch im krassen Gegensatz zur Ohnmacht, die Millionen von Flüchtlingen durch die grausame Gewalt aufgezwungen wurde.

Flüchtlingskind in einem Flüchtlingslager. Blauer Himmel.
Mit neun Millionen Vertriebenen führt Syrien nun die traurige Liste der Länder an, in denen Menschen vertrieben wurden. Für Nachbarländer wie Jordanien, Libanon und die Türkei werden die Flüchtlingsströme immer mehr zur Belastungsprobe. UNHCR-Foto: M. Hofer

Warten auf zugesagte Hilfsgelder

UN Nothilfekoordinator, Muhannad Hadi, nutzte den dritten Jahrestag der Kämpfe, um noch einmal auf die humanitäre Katastrophe in Syrien hinzuweisen. Sieben Millionen Menschen seien in der Region auf die Hilfe des Welternährungsprogramms angewiesen. Doch die Arbeit der Helfer wird stark behindert. "Wir werden durch beide Parteien des Konflikts daran gehindert, dorthin zu gehen, wohin wir wollen", erklärte Hadi. So bleibt der Nordosten des Landes sein Monaten unerreichbar, da bewaffnete Truppen den Zugang versperren. Ein anderes großes Problem ist die Zuverlässigkeit der Geberländer. Viele Millionen Dollar wurden auf verschiedenen Syrien-Konferenzen bereits zugesagt. Doch die Arbeit der Vereinten Nationen wird immer wieder behindert, da bereits bewilligte Hilfsgelder oft nicht ausgezahlt werden. Leidtragende sind Flüchtlinge und Zivilisten.

Über 2,5 Millionen Syrer flüchteten ins Ausland. In Europa haben ca. 56.000 davon Asyl beantragt. Rund 625.000 Syrer flohen in die Türkei. Am schwersten betroffen ist hingegen der westliche Nachbar Libanon. Rund eine Million Menschen fanden bisher dort Zuflucht. Auf 1000 Libanesen kommen statistisch bereits 230 Syrer. Die UN-Flüchtlingskommission rechnet bis ende 2014 sogar mit 1,4 Millionen Syrern im Libanon. Statistisch gesehen flüchtet schon heute alle zehn Sekunden ein Mensch in Syrien.

Ban Ki-moon an einem Redepult in New York
Am 14. März informierte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Generalversammlung über die Situation in Syrien. Es könne nicht genug sein, wenn sich beide Konfliktparteien in einem Raum befänden. „Es muss konkrete Ergebnisse geben“, so Ban. UN-Foto: Evan Schneider

Politischer Stillstand

Während Millionen in Flüchtlingslagern um ihr Überleben kämpfen befindet sich der politische Prozess den Konflikt zu beenden in einer Krise. "Auch nach zwei Gesprächsrunden zeigt keine der beiden Seiten Kompromissbereitschaft oder ein wirkliches Bewusstsein für das Leiden des syrischen Volkes", beklagte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon. Neben dem Assad-Regime zeigen sich auch radikale Kräfte innerhalb der Opposition zunehmend kompromisslos. "Ich fordere beide Konfliktparteien dazu auf, Führung, Weitblick und Flexibilität zu demonstrieren", so Ban weiter. Nachdem Mitte Februar die zweite Verhandlungsrunde nahezu ergebnislos zu Ende ging, fordert Ban zudem die Wiederbelebung des Friedensprozesses durch die USA und Russland. Die Tatsache, dass eine dritte Gesprächsrunde bisher nicht angesetzt wurde, zeigt die Starrsinnigkeit beider Seiten. Sie waren bisher unfähig sich auf eine Gesprächsagenda zu verständigen.

Auch die vereinbarte Zerstörung der syrischen Chemiewaffen hinkt weiterhin dem angestrebten Zeitplan hinterher. Syriens Regierung verpflichtete sich bis zum 15. März zwölf Chemiefabriken zu zerstören. Das Assad-Regime kam dem jedoch nicht nach. Die Internationalisierung des Konflikts nimmt unterdessen weiter an Fahrt auf. Die Kämpfe zwischen verschiedenen involvierten islamischen Gruppen scheinen sich mittlerweile auch verstärkt auf den Nachbarstaat Libanon auszubreiten. Vor allem Sunniten und Schiiten treffen dabei aufeinander.

Das vierte Jahr des Konfliktes in Syrien nimmt inzwischen seinen Lauf. Begonnen hatte alles am 15. März 2011. Eine Demonstration in der Hauptstadt Damaskus setzte eine Protestwelle gegen Präsiden al-Assad in Gang die sich kurz darauf ein viele Städte Syriens ausbreitete. Bei den dadurch ausgebrochenen kämpfen sind bislang mehr als 140.000 Menschen getötet worden. Rund neun Millionen Menschen befinden sich im In- und Ausland auf der Flucht.

Weitere Informationen:

Politische Lösung weiter fraglichSyrien-Konferenz zunächst ohne greifbare Ergebnisse

Florian Demmler

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