Terrorismus

Gewaltherrschaft der IS-Terrormilizen hält an

Jesidische Familien flüchten durch eine kahle Bergregion.

Viele Familien jesidischen Glaubens waren wochenlang in den Bergregionen Nordiraks eingeschlossen. Die meisten konnten mittlerweile über sichere Korridore die Region in Richtung Kurdistan verlassen. Foto: IRIN/MSF

Nach ihrem erfolgreichen Vormarsch im Irak und in Syrien gelingt es den Terrormilizen der Organisation "Islamischer Staat" (IS), ihre Stellungen zu halten. Auch wenn die Gruppe keine nennenswerten Bodengewinne verzeichnen konnte: aus dem Inneren heraus wird sie stärker, denn IS erhält ständig Zulauf von Hunderten Kämpfern.

Allein in Syrien hat die Terrorgruppe insgesamt rund 50.000 Kämpfer. 20.000 davon kommen aus dem Ausland. Auch viele Europäer sind unter ihnen. Beobachter berichten, dass sich seit Juli ca. 6300 Kämpfer den Extremisten angeschlossen hätten. Auch die gute Bezahlung dürfte dabei eine Rolle spielen.

IS verfügt über enorme Geldmengen. Eine so reiche Terrorgruppe gab es noch nie. Mit Erdöl, Steuern, Erpressung und Schmuggelgeschäften verdienen die Extremisten jeden Tag Millionen. Im Gegensatz zu anderen Extremistengruppen ist IS damit nicht von einer Finanzierung aus dem Ausland abhängig. Die Terrorgruppe kontrolliert im Nordirak sieben Ölfelder und zwei Raffinerien sowie sechs Ölfelder in Ostsyrien. Die Finanzierungsquellen der Extremisten lassen sich damit nicht ohne weiteres austrocknen. Gehandelt wird lokal. Bezahlt wird in bar oder durch Warentausch.

In Syrien kämpft IS derzeit vor allem um die Vorherrschaft auf dem strategisch wichtigen Militärflughafen Al-Tabka. Im Irak griff IS die Ölraffinerie Baidschi und die Stadt Tus Churmatu an. Bisher konnten kurdische Einheiten die Angriffe gemeinsam mit schiitischen Milizen abwehren. In den Orten, in denen IS Kämpfe gewinnt, zeigt sich die Grausamkeit ihres Regimes. Nach den Kämpfen um den Flughafen Al-Tabka seien Kämpfer mit abgetrennten Köpfen syrischer Einheiten durch die Straßen gelaufen. Auch im Osten ihres Einflussgebietes seien in verschiedenen Orten mindestens 18 Menschen öffentlich hingerichtet worden. Strafen werden stets nach einer radikalen Interpretation des islamischen Rechts verordnet. Besonders grausam erscheint auch der Fall des amerikanischen Reporters James Foley. Nachdem dieser enthauptet wurde, wurden die Bilder der Schandtat öffentlichkeitswirksam ins Internet gestellt. Auch UN-Mitarbeiter und Hilfsorganisationen befinden sich dauerhaft in Gefahr.

UN-Mitarbeiter im Irak begingen am 19. August den Welttag der humanitären Hilfe.
UN-Mitarbeiter im Irak begingen am 19. August den Welttag der humanitären Hilfe. Der Tag geht u.a. zurück auf einen Bombenanschlag im irakischen Canal Hotel am 19. August 2003. 22 UN-Mitarbeiter starben. Foto: UNIRAQ

Befürchtetes Massaker in Amerli

Rund ein Drittel der Fläche Syriens steht mittlerweile unter der Herrschaft der Terrorgruppe Islamischer Staat. Im Irak kontrolliert IS große Gebiete im Norden und Westen. Doch der Widerstand der kurdischen Einheiten wird stärker. Unterstützt durch gezielte Luftangriffe der US-Amerikaner, gelang es den kurdischen Peschmerga, den Vormarsch der IS zunächst zu stoppen. Dennoch werden viele Städte weiterhin von den IS-Milizen belagert und "ausgetrocknet".

Nach Einschätzung des UN-Sondergesandten für den Irak, Nickolai Mladenow, droht den überwiegend schiitisch-turkmenischen Einwohnern der nordirakischen Kleinstadt Amerli ein Massaker. IS belagere die Stadt sein nunmehr zwei Monaten, so Mladenow. Lieferwege für Wasser und Lebensmittel seien schon lange abgeschnitten, erläuterte er in einer Pressemitteilung.

Die rund 12.000 eingeschlossenen Menschen erhielten unterdessen Unterstützung aus der Luft. Am Wochenende flogen US-Kampflugzeuge Angriffe auf nahegelegene IS-Stellungen. Flugzeuge aus Großbritannien, Frankreich, Australien und den USA warfen zudem zahlreiche Hilfsgüter ab. Neben dem UN-Sondergesandten Mladenow warnte auch US-Außenminister Kerry vor einem Massaker und bezeichnete die Gewalttaten der IS in Syrien und Irak als "Völkermord".

Blaue Kreise machen deutlich, dass die meisten Flüchtlinge aus dem Nordirak kommen.
Die blauen Kreise zeigen, aus welchen Regionen die meisten Iraker Vertrieben wurden. Zuflucht suchen die meisten Flüchtlinge in der vermeintlich sicheren Region Kurdistans. Darstellung: OCHA

Vertriebene suchen vor allem Zuflucht in Kurdistan

Von geschätzten 1,8 Millionen Vertriebenen mussten allein 600.000 Menschen im August ihre Heimat verlassen. Kämpfe in den Regionen Ninewa, Diyala und Anbar ließen die Flüchtlingszahlen in den letzten Wochen stark ansteigen. Neueste Zahlen der Hilfsmission der Vereinten Nationen für Irak (UNAMI) zeigen, dass die meisten Vertriebenen Zuflucht in der Region Kurdistan suchen. Insgesamt rund 1,4 Millionen Menschen.

Aufgrund der enormen Flüchtlingsströme und der weiten Ausbreitung innerhalb der Region Kurdistans, fällt es auch den UN-Einrichtungen schwer, akkurate Flüchtlingszahlen zu liefern. UNAMI wird der lokalen Verwaltung in den nächsten Tagen helfen, einen Überblick über alle angekommenen Flüchtlinge zu erstellen. Dies ist vor allem im Hinblick auf die humanitären Hilfsmaßnahmen wichtig. Wie viele Zelte werden gebraucht? Wie viel Wasser muss geliefert werden? "Dies ist eine herausfordernde Aufgabe. Doch die Vereinten Nationen und ihre Partner-NGOs sind bereit, diese Herausforderung zu bestreiten. Tausende Tonnen Hilfsgüter wurden bereits von hunderten Mitarbeitern verteilt. Eine humanitäre Antwort fällt aufgrund der unsicheren Lage schwer, doch die Zusammenarbeit mir der Regionalregierung Kurdistans verlief bisher tadellos.", erklärte Kevin Kennedy, stellv. Koordinator der Vereinten Nationen für die humanitären Maßnahmen im Irak.

UN-Sicherheitsrat in der Pflicht

Ein Mandat des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen ist dringend nötig, um die Schreckensherrschaft der IS-Terroristen gemeinschaftlich zu beenden und den Weg für humanitäre Hilfe freizumachen. Auch die DGVN bedauert es, dass der Sicherheitsrat bisher weder von Deutschland, noch von anderen EU-Partnern angerufen wurde (Presseerkärung). Unterdessen sprachen sich die EU-Staats- und Regierungschefs für ein verschärftes Vorgehen aus. Finanzierungsquellen der IS sollen ausgetrocknet und Kurden mit Waffenlieferungen unterstützt werden. Wie genau sich Deutschland an den Waffenlieferungen beteiligen wird, soll in den nächsten Tagen entschieden werden.

Florian Demmler

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