Iran

Krieg um Vorherrschaft

In Yarmouk, einem Flüchtlingslager in der Nähe von Damaskus, bangen die Menschen um ihre Existenz und warten auf Lebensmittellieferungen von dem UN-Hilfswerk UNRWA. Foto: UNRWA

Die enge Allianz zwischen Iran und Syrien steht nach 35 Jahren mehr denn je unter dem Druck der internationalen Gemeinschaft und der regionalen Rivalen. Seit nun mehr als drei Jahren tobt ein Bürgerkrieg in Syrien, dessen grausames Ausmaß die Welt erstarren lässt. Aufgrund der Komplexität des Krisenverlaufs sowie der damit verbundenen geschichtlichen und religiösen Hintergründe, ist eine Lösung des Konflikts durch die Vereinten Nationen kaum möglich. Eine friedliche Lösung wäre nur unter Beteiligung aller Konfliktparteien in Sicht.

Neun Millionen Flüchtlinge und bislang 140.000 Tote sind traurige Randnotizen in einem Krieg, in dem Chemiewaffen, Fassbomben und mittelalterliche Folterungen gegen die eigene Bevölkerung zum Einsatz kommen. Während Syriens Präsident Bashar al-Assad weiter auf seinen einzigen wahren Verbündeten, die Islamische Republik Iran, setzt, ist die syrische Opposition zerstritten. Wo einst Assads Truppen auf den Widerstand der Syrischen Freien Armee (SFA) stießen, steht ihnen nun eine bunte Front radikal-sunnitischer Kämpfer entgegen. Die Lage wird immer unübersichtlicher. Das Teheraner Regime hält weiter fest am Despoten Assad und unterstützt das Regime sowohl militärisch als auch finanziell. Irans Kurs stößt nicht nur in der arabischen Welt auf Ablehnung. Die Bündnispartnerschaft zwischen Syrien und Iran beruht mehr auf geopolitischen Prioritäten als auf religiösen Wurzeln. Während sich aber das syrische Regime zunehmend zu einer säkularen Staatsform entwickelt hat, verfolgt die iranische Führung eine dogmatische Politik.

Friedenskonferenz

Im Vorfeld der Syrien-Friedenskonferenz am 24. Februar 2014 in Genf versicherte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon dem iranischen Außenminister Mohammad Javad Zarif, dass Iran eine positive und konstruktive Rolle zukommen werde: „Iran muss Teil einer friedlichen Lösung in Syrien sein“. Doch die US-Regierung stand einer Teilnahme Irans an den Friedensgesprächen kritisch gegenüber, denn Teheran hatte den Beschlüssen, die auf der ersten Friedenskonferenz in Montreux am 22. Januar 2014 ausgehandelt wurden, nicht zugestimmt. Diese Beschlüsse sahen unter anderem die Einsetzung einer syrischen Übergangsregierung mit Beteiligung der Opposition vor. Doch auch die Opposition drohte, die Gespräche in Genf zu boykottieren, sollte Iran an der Konferenz teilnehmen. Darauf folgte die Ausladung Irans durch Ban Ki-moon. Nach den ergebnislosen Gesprächen entschuldigte sich der Gemeinsame Sondergesandte der Vereinten Nationen und der Liga der arabischen Staaten, Lakhdar Brahimi, beim syrischen Volk, „dass man nicht mehr helfen konnte“.

Lakhdar Brahimi, Gemeinsamer Sondergesandter der Vereinten Nationen und der Liga der arabischen Staaten, traf am 7. November 2013 mit dem Außenminister Irans Javad Zarif zu Gesprächen in Genf zusammen. UN-Foto: Violaine Martin
Lakhdar Brahimi, Gemeinsamer Sondergesandter der Vereinten Nationen und der Liga der arabischen Staaten, traf am 7. November 2013 mit dem Außenminister Irans Javad Zarif zu Gesprächen in Genf zusammen. UN-Foto: Violaine Martin

Die siamesischen Zwillinge

Fünf Jahre nach dem Jom Kippur-Krieg (1973), in dem Syrien an der Seite Ägyptens gegen Israel kämpfte, erkannte Ägypten mit dem Friedensabkommen von Camp David (1979) als  erstes arabisches Land Israel als eigenständigen Staat an. Syrien, das durch den verlorenen Krieg die Golan-Höhen an Israel abtreten musste und sich im Stich gelassen fühlte, suchte nun händeringend nach einem starken Partner in der Region. Diese Chance bot sich, als ein Jahr später der iranische Monarch Shah Reza Pahlavi gestürzt wurde. Mit der islamischen Revolution in Iran im Jahr 1979 veränderten sich das Land sowie dessen Politik radikal. Die Geistlichkeit, die nun die Geschicke Irans lenkte, erklärte sich zum Schutzpatron der Schwachen und der in Not geratenen Muslime und warf Ägypten Verrat am palästinensischen Volk vor.  

Im Jahr 1980, als der irakische Diktator Saddam Hussein das revolutionsgeschwächte Iran mit westlicher Hilfe und der Unterstützung arabischer Verbündeter, vor allem Saudi-Arabien, angriff, protestierte Syrien als einziger arabischer Staat.

Syrien profitierte seit Beginn dieser Freundschaft mit Iran von den milliardenschweren Finanzhilfen Teherans, sowie von zahlreichen Handels- und Verteidigungsabkommen. Im Gegenzug gewährte Damaskus seinem Bündnispartner Zugang zu den Grenzen Israels als Druckmittel sowie einen Versorgungspass zur pro-iranischen Hisbollah in Libanon. Dass die syrische Führung einer alawitischen Glaubensrichtung angehört, einer schiitischen Untergruppierung, während die Bevölkerung überwiegend Sunniten sind, ist für die Beziehung beider Staaten förderlich. Denn Iran verfolgt eine schiitische Ideologie.

Die Glaubensrichtungen des Islams

Schiiten

Die Schiiten (Schia, Partei Alis) sind die zweitgrößte Konfession des Islams. Sie stellen mit einer Gesamtzahl von etwa 110 Mio. Menschen zwischen 10–15 Prozent der Muslime. Die Mehrheit der Schiiten leben in Iran (90 Prozent) und Irak (60 Prozent). Schiitische Minderheiten leben außerdem in Aserbaidschan, Bahrain, Libanon, Kuwait, Pakistan, Afghanistan, Saudi-Arabien, Syrien und Indien. Es gibt verschiedene Strömungen der Schiiten; die Zwölfer-Schiiten, Ismailiten, Zaiditen, Aleviten sowie Alawiten oder Nusairier.

Sunniten

Die Sunniten bilden die größte Glaubensrichtung des Islams (Sunna, die Tradition des Propheten des Islam, Mohammed). Sunniten stellen in den meisten islamischen Ländern die Mehrheit der Muslime, außer in Iran, Irak, Oman, Libanon, Aserbaidschan sowie Bahrain. Sie lassen sich nach den Rechtsschulen in Hanafiten, Malikiten, Hanbaliten und Schafiiten einteilen.

Die Unterschiede zwischen den Glaubensrichtungen waren anfangs nicht theologischer Natur, sondern entsprangen der Frage, wer die Gemeinschaft der Muslime leiten soll. Hinsichtlich der Nachfolge des Propheten Mohammad herrscht Uneinigkeit. Bei den Sunniten bildete sich das Kalifat heraus, bei den Schiiten das Imamat. Beide Konfessionen bekämpfen sich in einigen Ländern teilweise blutig, wie etwa in Irak oder Indien.

Die Entstehung der Schia in Iran

Anfang des 6. Jahrhunderts, nach den langjährigen Kriegen der Perser und Römer, wurden die beiden erschöpften Großreiche von muslimischen Arabern angegriffen, die aus dem Vakuum der Jahrhunderte andauernden Kriege an Einfluss gewannen. Sie eroberten die römischen Orientprovinzen und Persien und besiegelten das Ende der Antike. Während sich die Römer nach Europa zurückziehen konnten, mussten die Perser zusehen, wie ihre Zivilisation vernichtet und ihr Glaube durch einen neuen ersetzt wurde. Auch wenn der Islam die Gleichstellung aller Menschen vor Gott predigte, sahen sich die arabischen Eroberer als Privilegierte gegenüber anderen Völkern. Die Perser, die die Schmach einer Niederlage erlitten hatten, wollten sich jedoch nicht unterjochen lassen. Nach zahlreichen Revolten und kulturellen Widerständen sahen sie in der Politisierung des Islams die Lösung, eigene Autonomie zu erlangen. Sie entschieden sich mehrheitlich für eine Auslegung des Islams, die sich von dem allgemein geltenden sunnitischen Glauben unterscheidet, insbesondere hinsichtlich der Nachfolge des Propheten Mohammad. Die Hochburgen des schiitischen Widerstands gegen die Zentralregierung des islamischen Reiches lagen im persischen Hochland, von wo aus gegen das Kalifat revoltiert wurde. Diese Machtkämpfe zeichnen sich bis heute in der Rivalität zwischen pro-iranischen Schiiten und sunnitischen Arabern unter der Schirmherrschaft Saudi-Arabiens ab.

Schlachtfeld Syrien

Das brutale Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung hat in Syrien eine lange Tradition. Schon einmal, im Jahr 1982, hatte bereits Bashar al-Assads Vater Hafez al-Assad die Stadt Hama drei Wochen lang bombardieren lassen, um einen Islamisten-Aufstand zu zerschlagen, der von Muslimbrüdern initiiert wurde. Das Massaker von Hama, bei dem schätzungsweise bis zu 30.000 Menschen ums Leben kamen, wurde bis heute nicht aufgearbeitet.

Die Hauptakteure in der Syrienkrise werden aktuell immer weiter in den Hintergrund gedrängt, während sich das Land zum Schlachtfeld der rivalisierenden Jihadisten (Gotteskrieger) entwickelt. Die schiitischen pro-iranischen Milizen versuchen, Assads Regime zu verteidigen, während sie einer breiten Front sunnitischer Kämpfer, darunter Salafisten und der Al-Qaida nahstehende Gruppierungen, gegenüberstehen, die überwiegend von Saudi-Arabien und Katar unterstützt werden.  Längst haben diverse sunnitische Hassprediger zum Krieg gegen Assads alawitisches Regime aufgerufen, der seine mehrheitlich sunnitische Bevölkerung unterdrückt.

Die Golf-Staaten wollen Irans Einfluss in der Region eindämmen. Iran beabsichtigt jedoch, mit syrischer Hilfe den Pass zum Mittelmeer aufrechtzuhalten und somit den schiitischen Halbmond als Mauer gegen die dem Westen freundlich gesinnten Saudis und ihren sunnitischen Verbündeten entgegenzustellen. Auch Russland unterhält enge Kontakte zum syrischen Regime, das zu seinen wichtigsten Kunden in der Rüstungsindustrie zählt. Zusätzlich liegt der einzige russische Flottenstützpunkt im Mittelmeer in der syrischen Hafenstadt Tartus. Im UN-Sicherheitsrat legte unter anderem Russland wiederholt sein Veto ein bei den Abstimmungen der Resolutionen zu Syrien.

Schiitischer Vormarsch

Saudi-Arabien ist besorgt über die zunehmende regionale Einflussnahme Irans. Die schiitische Mehrheit in Irak wurde lange Zeit von einer sunnitischen Minderheit beherrscht. Das änderte sich mit dem Sturz Saddam Husseins. Der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maleki (ein Schiit), der seit dem Jahr 2006 dieses Amt inne hat, floh im Jahr 1980 nach Iran, nachdem er zum Tode verurteilt worden war, und kämpfte während des Iran-Irak-Kriegs auf iranischer Seite. Er ist Teherans Wunschkandidat und unterhält engen Kontakt zum Regime.

Auch in Afghanistan wurde das Blatt zu Gunsten Irans gewendet. Nach dem Sturz der Taliban, die Iran und den Schiiten feindlich gegenüberstehen, gewann Iran wieder an Einfluss. Afghanistans Präsident Hamid Karzai hält ebenfalls enge Beziehungen zu Teheran und räumte 2010 ein, regelmäßige Barzahlungen aus Iran erhalten zu haben.

Doch auch Iran bleibt von den Spannungen nicht verschont und erfährt Anschläge salafistisch- jihadistischer Organisationen im Südosten und an der Grenze zu Pakistan. Seit mehreren Wochen werden fünf iranische Grenzsoldaten von der sunnitischen Rebellengruppe Jaish al-Adl (Armee der Gerechtigkeit) festgehalten; am 19. Februar wurde ein iranisches Kulturzentrum in Beirut Ziel eines Bombenanschlags einer der Al-Qaida nahestehenden Terrorgruppe.

Aber auch innerhalb Irans stößt diese Allianz auf Ablehnung und Kritik. Syrien wird immer mehr zur Belastung für die sanktionsgeschwächte Wirtschaft. Daneben ist die Führung besorgt über die öffentliche Meinung in der Region und der anti-iranischen Haltung der Nachbarn und innerhalb der arabischen Welt. Die Reformpolitiker zeigten schon in der Vergangenheit Interesse, die Beziehungen zu den arabischen Golfstaaten zu verbessern und distanzierten sich von der Hisbollah. So zum Beispiel der ehemalige Präsident Mohammad Khatami, auf dessen Spuren sich nun Präsident Rohani bewegt. Doch die Außenpolitik ist weiterhin die Domäne des religiösen Oberhaupts.

Shahab

 

 

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