Konflikte & Brennpunkte

Lynchjustiz und drohender Völkermord

Flüchtlinge fliehen über die Grenze

Neueste UN-Zahlen gehen davon aus, dass sich inzwischen gut ein Fünftel der Einwohner der Zentralafrikanischen Republik auf der Flucht befinden. Foto: UNHCR/B. Heger

Mehr als 5000 afrikanische und gut 1600 französische Soldaten versuchen derzeit, die Lage in der vom Bürgerkrieg bedrohten Zentralafrikanischen Republik unter Kontrolle zu bringen. Doch der Hass, der zwischen Christen und Muslimen geschürt worden ist, hat inzwischen maßlose Züge angenommen. Fast eine Million Menschen sind auf der Flucht, vor allem Frauen und Kinder.

Das Machtvakuum innerhalb der Zentralafrikanischen Republik hält weiter an. Nach der erzwungenen Abdankung des Putschpräsidenten Michael Djotodia am 11. Januar 2014 hat die Regierung nun kaum eine Handhabe gegen die Gewalt im Land. Seit Wochen folgt ein Racheakt auf den anderen. Grausame Lynchjustiz findet mittlerweile nicht mehr nur in der Hauptstadt Bangui statt. Die eskalierende Gewalt trieb bisher gut eine Million Menschen in die Flucht. Tausende fliehen ins benachbarte Kamerun und nach Tschad. Die Vereinten Nationen warnten unterdessen vor einem drohenden Genozid. "Die Gewalt gleicht inzwischen Elementen die wir in Bosnien und Ruanda gesehen haben. Extrem gewalttätige Gruppen versuchen nun, die Auseinandersetzungen zu einem interreligiösen Konflikt aufzubauschen", warnte John Ging, Direktor im Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (UNOCHA).

Karte der Zentralafrikanischen Republik
Viele Menschen flüchten in ihrer Not über die Grenzen und landen dabei in der Demokratischen Republik Kongo, Kamerun, Tschad oder dem Südsudan. Immer mehr Flüchtlingslager entstehen daher an den Grenzübergängen. Karte: UNHCR

Ausweitung des militärischen Engagements

Durch die Wahl eines Übergangspräsidenten soll das Machtvakuum geschlossen werden. 135 Parlamentarier des "Übergangsrats" sind aufgerufen, sich auf einen Kandidaten zu einigen. Doch die Anforderungen an einen neuen gewählten Repräsentanten sind hoch. Die internationale Gemeinschaft besteht darauf, dass der Kandidat oder die Kandidatin weder aus der Runde der 135 von Djotodia ernannten Parlamentarier noch aus den Reihen der Rebellengruppen kommt. Die ursprünglich für den 18. Januar 2014 angesetzte Wahl verzögert sich nun aufgrund des Kandidatenmangels. Dem Land fehlt es an Persönlichkeiten, die breite Teile der Bevölkerung vertrauen und respektieren.

Doch auch die militärische Unterstützung kommt ins Stocken. Bisher konnten nicht alle der geplanten 6000 MISCA-Soldaten (African-led International Support Mission in the CAR) mobilisiert werden. MISCA agiert unter einer Kapitel VII-Resolution des UN-Sicherheitsrats. Diese gestattet den Truppen "alle erforderlichen Maßnahmen" zu ergreifen, um Zivilisten zu schützen, die Sicherheit und die staatliche Autorität wiederherzustellen und ein sicheres Umfeld für die Entsendung humanitärer Hilfe zu gewährleisten. Die Bundesregierung und die Europäische Union bereiten unterdessen ebenfalls eine Ausweitung ihres Engagements vor. 700 bis 1000 Soldaten sind im Gespräch. Sie könnten beispielsweise den Flughafen in Bangui und Binnenflüchtlinge schützen. Unter der Vorraussetzung einer neuen UN-Sicherheitsratsresolution sagten bisher unter anderem Belgien, Polen, Spanien und Ungarn die Entsendung von Truppen zu. In welcher Form sich die Bundeswehr an einem Einsatz beteiligen wird, ist noch unklar. Im Gespräch ist der Transport von Truppen und Material sowie die Betankung in der Luft. Eigene Soldaten wird die Bundesregierung voraussichtlich nicht entsenden.

Blick auf die Hauptstadt Bangui
Blick auf die Hauptstadt Bangui. Edgar und seiner Familie gelang die Flucht über den Ubangi, Grenzfluss zwischen der Zentralafrikanischen Republik und der Demokratischen Republik Kongo. Foto: UNHCR/C. Schmitt

Nicht alle Christen und Muslime sind verfeindet

Die Lage im Land verschlechtert sich unterdessen täglich. Häuser und Geschäfte von Muslimen werden geplündert, Moscheen zerstört. Die Meldung vom 17. Januar 2014 über einen Fall von rachebedingtem Kannibalismus schockierte viele Beobachter. Ein christlicher Mob zerrte einen muslimischen Passanten aus einem vorbeifahrenden Bus. Dem Mann wurden daraufhin auf offener Straße mehrere Gliedmaßen mit Macheten abgetrennt. Einer der Männer wurde auf Video festgehalten, während er Fleisch aus dem Bein des Opfers riss. In einem anschließenden BBC-Interview brüstete der mutmaßliche Täter sich mit der Tat. Aus Rache für die Ermordung seiner schwangeren Frau sei er zu diesem Gewaltakt bereit gewesen.

Doch nicht überall sind Christen und Muslime verfeindet. Nach einer Flussüberquerung erreichte Edgar Bussiere* das Büro der Nationalen Flüchtlingskommission in der Nähe Banguis. Ihm gelang die Flucht mit seiner Frau, seinen beiden Kindern, einer Schwester und einer Nichte. Viele Verwandte der Familie sind durch die sinnlose Gewalt am anderen Ufer des Flusses gestorben. Doch der 28-jährige Christ erzählt: "Ohne die Hilfe meines muslimischen Nachbarn hätte ich es nie geschafft. Als wir am 4. Dezember von einer Geschäftsreise aus dem benachbarten Kamerun zurückkehrten, begannen die Kämpfe. Die christliche Anti-Balaka-Miliz kam zu Fuß aus dem Norden und Osten, um wahllos muslimische Zivilisten zu attackieren. Die muslimische Séléka-Miliz reagierte mit der willkürlichen Hinrichtung von christlichen Zivilisten, egal ob jung oder alt." Edgar hatte Glück im Unglück. Seinem Nachbarn gelang es, ihn in seinem Haus zu verstecken. "Er gab mir ähnliche Schuhe und Kleidung wie sie auch die Muslime tragen. Der Séléka erzählt er, ich sei sein Bruder", erinnert sich Edgar. Ihm gelang schließlich die Flucht in ein christlich dominiertes Gebiet zu seiner Familie. Zuflucht fanden sie zunächst im benachbarten Kongo. Hier sind mittlerweile vier Flüchtlingslager für fast 30.000 Menschen entstanden.

*Name geändert

UN-Sicherheitsrat erteilt robustes Mandat an UN-Truppen

Florian Demmler

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