Nahost

Neuer Zündstoff im Nahen Osten

Irakische Flüchtlingsfamilie

Eine Flüchtlingsfamilie sucht nahe der nördlichen Stadt Erbil Zuflucht vor den Kämpfen in Mossul. Rund eine halbe Million Menschen flohen bisher aus der irakischen Metropole. UN-Foto: UNHCR/R. Nuri

Die radikal-islamische Sunniten-Miliz "Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien", kurz ISIS, besetze in der vergangenen Woche mehrere Städte im Nordirak, darunter Mossul, die zweitgrößte Stadt des Landes. Ihr Ziel: Die Einnahme Bagdads und die Gründung eines sunnitischen Gottesstaats, vom östlichen Mittelmeer bis zum Persischen Golf. Auch wenn die Einnahme der Hauptstadt durch die Milizen schwer vorstellbar ist, der schnelle Erfolg im Nordirak erscheint beispiellos.

ISIS beherrscht mittlerweile ein grenzübergreifendes Territorium. Als stärkste Kraft unter den Rebellen im syrischen Bürgerkrieg kontrollieren die Milizen dort die Stadt Raqqa und mehrere Ölfelder. Nun erstreckt sich ihr Einfluss auch auf das weit größere Gebiet des Iraks. Durch Eroberungen und kriminelle Geschäfte im syrischen Bürgerkrieg verfügt ISIS mittlerweile über so viel Geld, dass sie unabhängig agieren können. Auch schweres Kriegsgerät gehörte zur lukrativen Beute ihres Feldzuges.

ISIS rüttelt am nahöstlichen Status Quo

Möglich wurde der schnelle Vorstoß der radikalen Islamisten durch das hilflose Zurückweichen der irakischen Armee. Viele Soldaten zogen sich beim Anblick der Milizen, deren Zahl auf rund 15.000 geschätzt wird, zurück oder desertierten. Aus Gebieten die von ISIS übernommen worden, drängen Nachrichten über Hinrichtungen und Gräueltaten nach draußen. Die Kämpfer nahmen außerdem das türkische Konsulat in Mossul ein. Rund 30 MitarbeiterInnen wurden verschleppt, darunter auch der Konsul. Nach Absprache mit der türkischen Regierung in Ankara habe er die Türen des Konsulats öffnen lassen, um einen Kampf mit den Milizen zu vermeiden. Die Türkei hofft nun, den Konflikt diplomatisch lösen zu können. Außenminister Ahmet Davutoglu drohte ISIS aber auch mit Vergeltungsmaßnahmen, sollte türkischen Staatsbürgern etwas zustoßen. UN-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte den Angriff auf diplomatisches Personal streng. Er rief die internationale Gemeinschaft dazu auf, den Irak solidarisch zu unterstützen. Besorgt zeigten sich auch die Mitglieder des UN-Sicherheitsrats. Russlands UN-Botschafter Vitaly Churkin, turnusmäßiger Präsident des Rats für den Monat Juni, bekräftigte seine Solidarität mit den entführten Diplomaten und forderte deren umgehende Freilassung.

Russlands UN-Botschafter Vitaly Churkin verurteilte in New York die Geiselnahme türkischer Diplomaten. UN-Foto: Paulo Filgueiras
Russlands UN-Botschafter Vitaly Churkin verurteilte in New York die Geiselnahme türkischer Diplomaten. UN-Foto: Paulo Filgueiras

Der Nachbarstaat Iran scheint im Notfall für ein militärisches Eingreifen bereit zu sein und schloss dabei sogar eine Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten nicht aus. Eine Machtergreifung der Sunniten im Irak dürfte für Präsident Rohani ein Dorn im Auge sein. Der Iran unterstützt vehement Iraks schiitischen Premierminister Nuri al-Maliki, welcher das Amt seit 2006 inne hat. Zwar rief dieser Sunniten wie Schiiten gemeinsam zum Kampf gegen den Terror auf, doch trägt der Konflikt immer deutlichere Züge eines Religionskrieges. Im Angesicht der Bedrohung durch ISIS versuchte Premier Al-Maliki, sich durch das Parlament besondere Vollmachten verordnen zu lassen. Viele Politiker, darunter vor allem Sunniten, blieben der Abstimmung jedoch fern. Al-Maliki hat es in den letzten Jahren versäumt, andere Religionsgruppen an der Macht zu beteiligen. Diese übt vor allem er selbst aus. Neben dem Amt des Premierministers bekleidet al-Maliki noch die Posten als Minister für Verteidigung und Inneres, als Geheimdienstchef und als Oberbefehlshaber der Armee. Die Quittung dafür erhielt er in den letzten Tagen.

Zog sich die USA zu früh aus dem Irak zurück?

Ein militärisches Eingreifen der USA scheint unterdessen nicht mehr ausgeschlossen zu sein. Mit dem Flugzeugträger USS George H.W. Bush zeigt die Großmacht erneut militärische Präsenz. Das Schiff hat mittlerweile den Persischen Golf erreicht, begleitet von einem Kreuzer und einem Zerstörer. Nachdem Präsident Obama sein oberstes Wahlversprechen eingelöst hat und die amerikanischen Truppen aus dem Irak abzog, scheinen nun die Konsequenzen des schnellen Abmarschs sichtbar zu werden. Zwölf Jahre nach dem Beginn des "Krieges gegen den Terror" zeigt sich dessen geringe Effektivität. Auch die irakische Armee scheint nur langsam aus ihrer Schockstarre zu erwachen. Einheiten flogen Luftangriffe auf Stellungen der Islamisten. Viele Freiwillige wollen nun verhindern, dass die Islamisten in ihrem Land einen Gottesstaat errichten. Im Süden des Landes wurden Freiwilligen-Rekrutierungs-Zentren eingerichtet. Immer mehr Menschen melden sich dort. Über 1000 Männer haben bisher eine militärische Blitzschulung durchlaufen. Mehr als 7.000 Freiwillige sollen sich in den ersten Tagen allein in der Hauptstadt Bagdad gesammelt haben. Unter Druck geraten die Islamisten aber nun nicht nur im Süden. Auch im Norden des Landes meldeten sich tausende Freiwillige, die meisten davon kurdischer Abstammung.

Viele vertriebene Iraker versuchen vorerst in sicheren Städten unterzukommen. Diese Gruppe wartet auf ihre Weiterreise nach Erbil. UN-Foto: UNHCR/R. Nuri
Viele vertriebene Iraker versuchen vorerst in sicheren Städten unterzukommen. Diese Gruppe wartet auf ihre Weiterreise nach Erbil. UN-Foto: UNHCR/R. Nuri

Allein durch Kämpfe in Iraks zweitgrößter Stadt Mossul sind seit Beginn des Konflikts rund 500.000 Menschen geflohen. Angesichts der massiven Flucht aus der Stadt und den umliegenden Regionen verstärkte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) umgehend seine Hilfe vor Ort. Mitarbeiter unterstützen die Vertriebenen mit Zelten, Medikamenten und Wasser. Noch immer fliehen Tausende aus der Region Ninawa in die kurdischen Gebiete des Iraks. Daher ist nicht mit einer raschen Entspannung der Lage zu rechnen. Bereits zu Beginn des Jahres flohen aus der westirakischen Provinz Anbar eine halbe Million Menschen vor den Kämpfen. Mit dem Vorrücken der ISIS-Kämpfer in den Süden des Landes wird sich die humanitäre Situation in der Region weiter verschlechtern. Zusammen mit lokalen Behörden und NGOs koordinieren UN-Organisationen wie der UNHCR Hilfsmaßnahmen, um den Schutz der Vertriebenen zu gewährleisten.

Mitarbeiter des UN-Kinderhilfswerks UNICEF berichten von katastrophalen Zuständen in den von ISIS eroberten Gebieten. Keines der fünf Krankenhäuser in Mossul funktioniere mehr, Läden und Märkte seien geschlossen. Marzio Babille, UNICEF-Koordinatorin im Irak, berichtet, dass die Situation der Kinder im Irak "extrem allarmierend" sei. Die Gewalt sei praktisch über Nacht gekommen. Problematisch sei auch die finanzielle Lage der Hilfsorganisationen. Nur rund zehn Prozent der benötigten Gelder für Hilfsgüter seien bis jetzt eingegangen, erklärte Marzio Babille. Die Versorgung der Flüchtlinge sei so extrem gefährdet.

Florian Demmler

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