Veranstaltungsbericht Journalistenreise Friedenssicherung

Von Liberia bis Kongo: Chancen und Risiken des UN-Engagements in Afrika

Das Publikum sitzt auf Stühlen im Zuschauerraum und lauscht den Vorträgen auf der Bühne. Tassilo Schmidt sitzt vorne rechts.

Blick ins Publikum, vorne recht Tassilo Schmidt, der die Anwesenden zuvor als Vorstandmitglied im Namen des Landesverbandes Bayern begrüßt hatte. Foto: Jule Emmerling

Nicht erst seit den beiden afrikanischen UN-Generalsekretären Boutros Boutros Ghali und Kofi Annan ist Afrika ein besonderes Aufgabenfeld der Vereinten Nationen. Stand nach der Gründung der UNO die Entkolonialisierung Afrikas im Vordergrund, gibt es dort für die Vereinten Nationen des 21. Jahrhunderts andere Themen: Wasser- und Nahrungsmangel, Umsetzung der Menschenrechte, Infrastruktur, HIV/AIDS, Bildung und Umweltzerstörung sind große Herausforderungen. In einigen afrikanischen Staaten hemmen bürgerkriegsähnliche Zustände und mangelnde Staatsstrukturen jegliche Entwicklungschancen. Außer Afghanistan liegen die 20 ärmsten Länder der Welt in Afrika. Zugleich ist der Kontinent zum Hotspot der UN-Friedenssicherung geworden, mit erfolgreichen, aber auch heiklen Missionen. Liberia, Elfenbeinküste, Darfur, Somalia, Kongo, Südsudan – mit der neuen Mission in Mali (MINUSMA) ab dem 1. Juli finden nun über die Hälfte der weltweit laufenden UN-Friedensmissionen in Afrika statt.

Christian Stock steht am Rednerpult und hält seinen Einführungsvortrag.
Christian Stock während des Einführungsvortrags; Foto: Jule Emmerling

Gleichzeitig ist Afrika ein aufstrebender Kontinent mit außerordentlichen Wachstumschancen. Vielerorts hat dabei der Ressourcenreichtum das Interesse zahlreicher Unternehmen und Staaten außerhalb Afrikas geweckt und ist damit mancherorts sogar Ursache für noch mehr Ungerechtigkeit, Hass und Gewalt geworden. Wie ist es also um das Verhältnis zwischen Afrika und der UNO bestellt? Die gemeinsamen Anstrengungen der UNO und der afrikanischen Staaten bei der friedlichen Entwicklung des Kontinents standen im Mittelpunkt  einer Podiumsveranstaltung in Aschaffenburg, organisiert und durchgeführt vom Landesverband und vom Bundesverband der DGVN gemeinsam mit der örtlichen Regionalzeitung  MAIN-ECHO. Mehr als 60 Aschaffenburgerinnen und Aschaffenburger waren Ende Juni bei großer Hitze ins Martinushaus gekommen, um sich ein Bild über „Die UNO und Afrika“ zu machen und mit den Referentinnen  und Referenten ins Gespräch zu kommen. Durch den Abend führten der Politikredakteur des MAIN-ECHO Andre Breitenbach, der mehrfach afrikanische Staaten bereist und zuletzt mit der DGVN im Rahmen einer Journalistenreise in Liberia recherchiert hatte, sowie Alfredo Märker, Organisator der Journalistenreise vom DGVN-Generalsekretariat in Berlin.

Christian Stock, DGVN-Autor und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, beleuchtete in seinem Einführungsvortrag die Rolle Afrikas in den Vereinten Nationen und legte die wichtigsten Herausforderungen der UNO in Afrika dar. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung hatte er mit dem Interview „Einfach alternativlos“ im MAIN-ECHO nicht nur die Werbetrommel für die bevorstehende Veranstaltung gerührt sondern auch auf die zentrale Rolle der weltweiten UN-Friedensaktivitäten  sowie die besondere Verantwortung ihrer Truppenstellerstaaten hingewiesen.

v.l.n.r. Andre Breitenbach, Peter Schumann, Stefanie Herr. Foto: Jule Emmerling

Als Kommentatorinnen und Kommentatoren waren ausgewiesene Fachleute und Praktiker nach Aschaffenburg gekommen: Über seine vor Ort gesammelten Erfahrungen sprach der Peacekeepingexperte Peter Schumann, der seit 1979 in über 20 Ländern im Dienste der Vereinten Nationen stand. Dabei erläuterte er dem Publikum die oftmals schwierigen Handlungsbedingungen der UNO im Feld sowie die Restriktionen durch kaum oder nur schwer umsetzbare Mandate des Sicherheitsrates. Anschaulich schilderte Schumann den außerordentlich komplizierten, oftmals frustrierenden Prozess bei der Truppen- und Personalstellung. Häufig komme es beispielsweise gar nicht erst dazu dass eine Friedensmission von den Mitgliedstaaten tatsächlich jene Personalausstattung und Ressourcen bekomme, die das dazugehörige Mandat vorsieht. Entsprechend sei es kaum verwunderlich, dass auch die Fortschritte im Peacebuilding und -keeping in einigen Fällen nur langsam voranschritten. Bestätigt wurde Schumann dabei von seiner Mitkommentatorin Stefanie Herr, Mitarbeiterin der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, die als DGVN-Mitglied mehrfach bei DGVN-Studienreisen  Einblicke in UN-Friedensmissionen in Afrika gewinnen konnte. Herr unterstrich zudem die besondere Rolle mangelnder Staatlichkeit in manchen afrikanischen Ländern, als einen weiteren, ergänzenden Faktor des komplexen Handlungsumfeldes beim UN-Peacekeeping.
Jose Pierre Mbuku, Diakon in Mainaschaff, Gründer und langjähriger Vorsitzender des Afrika Kreis Aschaffenburg (AFKA) gab in Einblicke in praktische Erfahrungen u.a. aus der Demokratischen Republik Kongo, dem laut Human Development Index ärmsten Land der Welt, wo die Vereinten Nationen seit vielen  Jahren versuchen friedlich auf einen außerordentlich brutalen Bürgerkrieg um Bodenschätze, Einfluss und Macht einzuwirken –  eine Thematik die auch im Rahmen der späteren Diskussion mehrfach angesprochen wurde. Mbuko, 1987 aus Kongo nach Deutschland gekommen, bezeichnete die Vereinten Nationen als die „beste Erfindung seit dem zweiten Weltkrieg, die in zahlreichen afrikanischen Staaten und darüber hinaus maßgeblich zu Friedenssicherung beigetragen haben.“ Die aktuelle Rolle der UN in seinen Herkunftssstaat schätze Mbuku jedoch ebenso wie zahlreiche im Raum anwesende Exil-Kongolesen kritisch ein.

Ob und inwiefern die mit mehr als 22.000 bewilligten militärischen und zivilen Mitarbeitern weitaus größte UN-Blauhelmoperation MONUSCO (United Nations Organization Stabilization Mission in the DR Congo), die künftig von dem Deutschen Martin Kobler geleitet werden wird, ihre schwierige Mission bewältigen kann, wird nicht zuletzt auch das öffentlich Bild des UN-Peacekeeping insgesamt mitbeinflussen. Gerade deshalb unterstrichen alle Podiumsbeteiligten demgegenüber die durchaus vorzeigbaren positiven Beispiele vieler UN-Friedenssicherungsaktivitäten, darunter Liberia, Sierra Leone und Namibia in Afrika oder auch außerhalb Afrikas beispielsweise Timor-Leste und Kambodscha.     


Alfredo Märker

Jose Pierre Mbuko, Christian Stock und Alfredo Märker stehen vorne auf der Bühne am Rednerpult und lauschen einer Zuschauerfrage.
links Jose Pierre Mbuko, rechts davon in der Mitte Christian Stock und Alfredo Märker. Foto: Jule Emmerling

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