Konflikte & Brennpunkte

Zentralafrikanische Republik: Der lange Weg zum Frieden

Demonstranten gehen auf UN-Blauhelme los

Das Land ein Pulverfass: Muslimische Demonstranten wollen UN-Blauhelme zur rede stellen. Zwei ihrer Freunde wurden vermeintlich von Christen umgebracht. UN-Foto: Nektarios Markogiannis

Rund ein Jahr ist der Startschuss der französischen Militäroperation Sangaris her. Seit dem 15. September wird diese durch Blauhelme der UN-Mission für die Zentralafrikanische Republik (MINUSCA) unterstützt. Das MINUSCA-Mandat des UN-Sicherheitsrats sieht eine Truppenstärke von insgesamt 12.000 Soldaten und Polizisten vor. Trotz einiger Erfolge, bewaffnete Gruppen auseinander zu halten, ähnelt das Land einem Pulverfass. Christen und Muslime stehen sich größtenteils weiterhin unversöhnlich gegenüber. Über große Teile des Landes hat die Übergangsregierung keine Kontrolle.

Séléka ruft eigenen Staat aus

Im August 2014 spitzte sich die Lage dramatisch zu. In einer Pressemitteilung der muslimischen Séléka-Rebellen wurde der Staat "Dar El Kouti" proklamiert. Angeführt von Michel Djotodia, dem Putschistenführer, der im März 2013 das Land ins Chaos stürzte, solle der neue Staat die Kontrolle im Norden der Zentralafrikanischen Republik übernehmen. Für viele Beobachter kam diese Ankündigung nicht überraschend. Die Rebellen der Séléka erkennen den von Übergangspräsidentin Catherine Samba-Panza ernannten muslimischen Premierminister Mahamat Kamoun nicht an. Im Norden des Landes hat dieser sowieso keinen Einfluss.

Über die Stärke der Séléka-Milizen wird derweil kontrovers diskutiert. Die Rebellen scheinen nicht als einheitlich agierende Truppe zu funktionieren. Viele führende Mitglieder erfuhren von der Proklamation des Staates "Dar El Kouti" erst aus der Presse. Es gibt viele zersplitterte Gruppen und ethnische Strömungen innerhalb der Séléka. Ihre Stäkre zeigte die Miliz bisher vor allem unter Druck. Weder den staatlichen noch den internationalen Truppen gelang es bisher, den Norden des Landes auch nur ansatzweise einzunehmen.

Mit Stöcken bewaffnete Demonstranten
Mit Stöcken bewaffnet ziehen muslimische Demonstranten in Richtung MINUSCA-Hauptquartier in Bangui. UN-Foto: Nektarios Markogiannis

Respekt für Sangaris und MINUSCA

In der überwiegend christlich geprägten Hauptstadt Bangui ist das Bild ein anderes. Dort lebt der Großteil der muslimischen Bevölkerung weiterhin abgegrenzt im Stadtteil PK5. Dieser ist auch unter dem Namen "muslimische Enklave" bekannt. Früher war PK5 ein Geschäftsviertel. Heute ist an Geschäfte nicht mehr zu denken. Viele Läden haben seit Monaten geschlossen. Zu groß ist die Angst vor Gewalt und Plünderungen. Der Alltag ist geprägt von christlich-muslimischen Auseinandersetzungen.

Immerhin konnte der Einsatz der französischen Sangaris-Truppen und die internationale Militärpräsenz der MINUSCA (United Nations Multidimensional Integrated Stabilization Mission in the Central African Republic) zuletzt für etwas Entspannung sorgen. Die muslimische Bevölkerung steht nun vor allem den französischen Truppen weitaus weniger skeptisch gegenüber, als noch zu Beginn der Mission im Dezember 2013. Viele Muslime sahen Sangaris zunächst als Erfüllungsgehilfen der christlichen Anti-Balaka-Miliz. Doch gerade im Westen des Landes waren es die Soldaten von Sangaris, die die muslimische Bevölkerung vor dem Terror der Anti-Balaka-Miliz schützen konnte. Nun hängen auch im Viertel PK5 Plakate mit der Aufschrift "Danke Sangaris".

Geringe Kapazitäten für afrikanische Friedensmissionen

Auch die UN-Mission MINUSCA leistet ihren Beitrag. Die in der Zentralafrikanischen Republik stationierten Soldaten stammen unter anderem aus Burundi, Ruanda, Guinea, Kamerun, Pakistan, Indonesien und Marokko. Beim Start der Mission im September 2014 war die Anzahl der Truppensteller noch recht gering. Mittlerweile hat  sich die Situation etwas entspannt. Immer mehr Staaten unterstützen die UN-Blauhalme. So wird auch Angola im Frühjahr 2015 Truppen in die Zentralafrikanische Republik entsenden, um einen Beitrag zu leisten. Ob die maximale Truppenstärke der Mission letztendlich erreicht wird, bleibt jedoch fraglich. Es gibt in Afrika nur selten Friedensmissionen, bei denen die komplette geplante Truppenstärke abgerufen werden kann. Dies liegt vor allem an der schieren Zahl der UN-Missionen in Afrika. Neben MINUSCA gibt es noch neun weitere UN-Friedensmissionen in afrikanischen Staaten. Gleichzeitig führt auch die Afrikanische Union (AU) Friedensmissionen durch. Nur wenige afrikanische Staaten haben ausreichend Kapazitäten, um überhaupt eine Mission zu unterstützen.

Zwei Rekruten beim Kampf
Die Ausbildung von Polizisten und Sicherheitskräften gehört zu den Aufgaben der MINUSCA. UN-Foto: Catianne Tijerina

Ein Erfolg der Friedensmission in der Zentralafrikanischen Republik ist somit nur schwer abzusehen. Zu groß ist das Land - 1,5 Mal so groß wie Frankreich - und zu gering sind die Kapazitäten der Truppensteller. Doch wie kann dann Frieden einkehren?

Entwaffnung und freie Wahlen

Die größte Hoffnung liegt in der Entwaffnung der Kämpfer. Eine Entwaffnung der muslimischen Séléka- und der christlichen Anti-Balaka-Milizen wäre der größte denkbare Fortschritt. Rund 6.000 Menschen fielen den Milizen bisher zum Opfer. Die Hälfte des Fünf-Millionen-Einwohner-Landes ist vor ihnen auf der Flucht. Doch wer kann eine Entwaffnung erzwingen?

Die Übergangsregierung ist derzeit dazu jedenfalls nicht in der Lage. Ihr Einfluss ist gering, denn auf weite Teile des Landes hat sie keinen Zugriff. Im Jahr 2015 soll Übergangspräsidentin Catherine Samba-Panza die Führung des Staates an einen gewählten Nachfolger übergeben. Dieser könnte dann über die Hauptstadt Bangui die Kontrolle über das gesamte Land zurückerobern. Milizen könnten dann entwaffnet und ein Friedensvertrag ausgearbeitet werden. Stellt sich nur die Frage nach einem geeigneten Kandidaten. Die meisten der aktiven Politiker sind vorbelastet. Sie unterstützten entweder eine Seite der Rebellen oder gehören selbst zu den Menschen, die die Zentralafrikanische Republik in das derzeitige Dilemma geführt haben. Und trotzdem: nur demokratische Wahlen können den Weg zum Frieden im Land ebenen. Die internationalen Truppen müssen alles tun, um diesen Prozess zu gewährleisten.

Florian Demmler

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