Menschliche Entwicklung Menschliche Sicherheit

Gewalt verhindert Entwicklung

World Development Report 2011

Jährlich sterben heute in Guatemala fast doppelt so viele Menschen durch gezielte Tötungen als in den 1980er Jahren durch den damaligen Bürgerkrieg. – Dieses Beispiel aus dem aktuellen Weltentwicklungsbericht der Weltbank, der unter dem Titel Konflikt, Sicherheit und Entwicklung erschien, verdeutlicht, wie sich die Bedrohungen menschlicher Sicherheit in den vergangenen 25 Jahren verändert haben. Soziale Spannungen und lokale Konflikte zwischen ethnischen Gruppen, Terrorismus, staatliche Repressionen, organisierte Kriminalität, Menschen-, Drogen- und illegaler Rohstoffhandel kennzeichnen Gewaltkonflikte im 21. Jahrhundert. Sie haben die Gefährdung menschlichen Lebens durch Kriege und Bürgerkriege zunehmend überlagert, wie die aktuellen Konflikte infolge der sozialen Proteste in Nordafrika, die anhaltende Gewalt in Afghanistan, der "Drogenkrieg" in Mexiko oder die Piraterie vor der Küste Somalias zeigen.

Der Weltentwicklungsbericht 2011 beleuchtet das heutige Ausmaß der neuen Gewaltformen, analysiert die Folgen dieser Sicherheitsbedrohungen für Entwicklung und Armut und erarbeitet Lösungswege und Empfehlungen für fragile Staaten und die internationale Gemeinschaft. Dabei wird deutlich, dass Sicherheit und Entwicklung gleichermaßen berücksichtigt werden müssen, um Gewalt erfolgreich einzudämmen. Dem Bericht gingen intensive Beratungen mit Experten und UN-Organisationen voraus sowie Diskussionen mit Vertretern aus Ländern, die aktuell von Konflikten betroffen sind bzw. erfolgreiche Transitionsprozesse vollzogen haben, wie Sarah Cliffe, Direktorin des diesjährigen Weltentwicklungsberichts, im Rahmen der Präsentation am 23. Mai in Berlin bekannt gab.

Anhaltende Gewalt hemmt Entwicklung

Weltweit sind rund 1,5 Milliarden Menschen der Bedrohung durch Gewaltkonflikte oder Kriminalität ausgesetzt. Die meisten von ihnen leben in Entwicklungsländern und fragilen Staaten, leiden unter wiederholten Konflikten und mehreren Gewaltformen zugleich.

Die Folgen wiederkehrender Gewalt sind alarmierend: Menschen in den betroffenen Ländern sind doppelt so häufig unterernährt und die Armutsrate ist durchschnittlich um 20 Prozent höher als in anderen Ländern. Im UNDP-Index für menschliche Entwicklung belegen sie die untersten Ränge. Bislang habe kein Land, das von anhaltenden Konflikten und einer schwachen Regierung geprägt ist, auch nur eines der Millenniumsentwicklungsziele erreicht, hob Sarah Cliffe hervor. Aber Gewaltkonflikte sind keineswegs nur ein Problem der Entwicklungsländer, denn sie machen selten an staatlichen Grenzen halt und greifen auf Nachbarländer über – in Form von Flüchtlingsströmen, Drogenschmuggel oder kriminellen Netzwerken. Dass sie eine weltweite Bedrohung darstellen, zeigt das jüngste Beispiel der gestiegenen Ölpreise im Zuge der Libyen-Krise.

"Stressfaktoren" erhöhen Gewaltrisiko  

Der Bericht identifiziert "Stressfaktoren", die das Gewaltrisiko nähren. Dazu zählen Korruption, Arbeitslosigkeit, Armut, Diskriminierung, Ausgrenzung und Menschenrechtsverletzungen. So verstärkt eine hohe Jugendarbeitslosigkeit die Bereitschaft, Rebellenbewegungen oder kriminellen Banden beizutreten. Durch Menschenrechtsverletzungen steigt die Gefahr eines gewaltsamen Konflikts sogar um 43 Prozent. Auch externe Faktoren wie transnationale Kriminalität, Terrorismus, Klimawandel, ökonomische Schocks oder Effekte aus Nachbarländern erhöhen das Gewaltrisiko.
Nicht jedes Land, das eine hohe Arbeitslosigkeit aufweist, gerate in Gewaltkonflikte, betonte Sarah Cliffe. Entscheidend sind legitime Institutionen und eine gute Regierungsführung, die die genannten Faktoren als eine Art "Immunsystem" abwehren. Fragilen Staaten gelingt es nicht, den Risiken effektiv entgegenzuwirken, denn ohne legitime Institutionen können sie die Sicherheit ihrer Bürger nicht garantieren. Und ohne Sicherheit sind dauerhafter Frieden und Entwicklung nicht denkbar.  

"lessons learned" – Eindämmung von Gewalt durch den Aufbau legitimer Institutionen

Auf der Basis von Fallstudien zu erfolgreichen Transitionen nach Konflikten zeigt der Weltentwicklungsbericht Wege auf, wie fragile Staaten dem Dilemma wiederkehrender Gewalt entkommen können: Dazu müssen sie in einem durchschnittlich 15-30 Jahre andauernden Prozess legitime, handlungsfähige Institutionen aufbauen, welche die Sicherheit der Bürger, ein funktionsfähiges Rechtssystem und Arbeitsplätze gewährleisten.   
Der institutionelle Wandel in fragilen Staaten setzt eine breite nationale Unterstützung voraus und erfordert vertrauensbildende Maßnahmen. Die Reform des Sicherheitssektors und des Rechtssystems, die Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Maßnahmen u.a. zur Korruptionsbekämpfung sind weitere notwendige Schritte. Der Bericht gibt keine allgemeingültigen Empfehlungen für konkrete Maßnahmen, da diese je nach lokalem Kontext und dem Ausmaß sowie den Formen der Gewalt zu treffen seien.
Regierungen schwacher Staaten sind nicht in der Lage, Prozesse des institutionellen Wandels alleine zu unternehmen, nicht zuletzt aufgrund der internationalen Verbindungen der Gewalt. Internationale Unterstützung ist daher unerlässlich. Dabei stellen Transitionsprozesse die internationale Gemeinschaft vor große Herausforderungen, da sie nicht geradlinig verlaufen und "Stressfaktoren" fortwährend auf das betroffene Land einwirken, so Sarah Cliffe.

Anpassung des internationalen Konfliktmanagements

Laut Weltentwicklungsbericht tragen internationale Akteure den neuen Sicherheitsgefährdungen nicht hinreichend Rechnung. Das gängige Instrumentarium des internationalen Krisen- und Konfliktmanagements ist auf Kriege und Bürgerkriege ausgerichtet, deren Gewaltakteure bekannt sind. Jedoch kann z.B. Gewaltkriminalität selbst erfolgreiche Friedensprozesse untergraben.
Um die Befriedung von Konflikten und den Aufbau in fragilen Staaten zu unterstützen, muss die internationale Gemeinschaft ihre Strategien verbessern. Friedenskonsolidierung ziele zu selten auf die Bekämpfung politischer oder krimineller Gewalt oder auf die Unterstützung institutioneller Transformationen. Präventives Eingreifen zur Vermeidung einer Gewalteskalation nimmt lediglich eine untergeordnete Rolle ein.

Der Bericht fordert internationale Akteure – UN, regionale Organisationen, Zivilgesellschaft – dazu auf, ihr Engagement den neuen Gegebenheiten anzupassen. Denn internationale Einsätze seien zu langsam, zu fragmentiert und zu kurzweilig.
Die Reform der Organisationsstrukturen soll eine schnellere Reaktion auf Gewalteskalation ermöglichen. Entscheidend ist außerdem, Transitionen langfristig vor Ort zu begleiten. Allerdings sieht Sarah Cliffe selbst die Problematik, das lange andauernde Friedenseinsätze aufgrund hoher Kosten nur schwer durchsetzbar sind. Schließlich bedarf es einer besseren  Koordination zwischen internationalen Organisationen in Konfliktgebieten in Form von "kombinierten Programmen". Einen vielversprechenden Ansatz verfolge das Konzept der "integrierten" UN-Missionen, das eine Verbindung der Bereiche Entwicklung, Diplomatie und Sicherheit anstrebt.
Die internationale Gemeinschaft muss ihre Unterstützung fragiler Staaten neu ausrichten und auf die Bereiche Sicherheit, Rechtssystem und wirtschaftliche Transformation konzentrieren. Hier verfügen die UN bereits über zahlreiche Möglichkeiten, beispielsweise die Entsendung von Polizeikräften für den Aufbau des Polizei- und Rechtswesens.
Für diese Neuausrichtung ist ein internationaler Konsens in der Begegnung der neuen Gewaltformen notwendig, der einen Austausch zwischen Ländern des Nordens und Südens ebenso erfordert wie eine vermehrte Süd-Süd-Kooperation. Die Kommission für Friedenskonsolidierung berge in dieser Hinsicht großes Potential, da sie versucht, fragile Staaten, Geberländer, Truppensteller und regionale Organisationen an einen Tisch zu bringen und so den gesamten Transitionsprozess mit seinen Fortschritten und Risiken beratend begleiten könnte.

"Prävention", fasste Sarah Cliffe die Kernaussage des Weltentwicklungsberichts zusammen, "ist möglich, wenn internationale Ansätze reformiert werden und sich der Fokus auf legitime Institutionen in den Bereichen Sicherheit, Rechtssystem und Arbeitsplätze richtet". Dafür, so ließe sich aus diesen Ergebnissen schließen, bedarf es eines Umdenkens – in der der Friedenssicherung, der Entwicklungspolitik und der internationalen Gemeinschaft insgesamt.

 

Neben dem Weltentwicklungsbericht ist der Bericht über die menschliche Entwicklung (Human Development Report) des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) eines der wichtigsten entwicklungspolitischen Standardwerke, das mit fundierten Analysen und Informationen die entwicklungspolitische Diskussion befördert.

Weitere Informationen zu den Weltentwicklungsberichten der Weltbank

Internetpräsenz des Weltentwicklungsberichts 2011 (engl.)

Die aktuellen Berichte (1992 bis 2010) sind in deutscher Übersetzung beim UNO-Verlag erhältlich. 

(Tina Schmidt)

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