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Zuhause – der gefährlichste Ort für viele Frauen

In Deutschland wird jeden dritten Tag eine Frau von einem Mann aus ihrem unmittelbaren Umfeld getötet. Die Verhinderung von Ermordungen von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts, sogenannte Femizide, stellt eine der größten Herausforderungen im weltweiten Kampf gegen Gewalt an Frauen dar.

Mehrere sudanesische Frauen in weißer Kleidung schauen in die Kamera und tragen Banner.
Frauen in Nord-Dafur nehmen an einer UN-Kampagne gegen geschlechterbasierte Gewalt teil. (UN Photo/Albert Gonzalez Farran)

Zuhause – ein Platz, an dem man sich sicher und geborgen fühlt. Ein Platz, der Schutz bietet. Besonders für Frauen und Mädchen treffen diese Assoziationen von ‚Zuhause‘ allerdings oft nicht zu. Im Gegenteil: Eine globale Studie des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) und UN-Women zeigt, dass im Jahr 2021 jede Stunde durchschnittlich über fünf Frauen und Mädchen von ihren Partnern oder Familienmitgliedern getötet wurden. Von den in 2021 insgesamt 81 000 vorsätzlich getöteten Frauen und Mädchen waren schätzungsweise 45 000 sogenannte ‚Femizide‘, die durch Partner oder Familienangehörige begangen wurden. In der internationalen Diskussion werden Femizide als vorsätzliche Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts definiert. Mit dem 2022 verabschiedeten „Statistischen Rahmen zur Messung der geschlechtsbezogenen Tötung von Frauen und Mädchen“ versucht die Statistische Kommission der Vereinten Nationen dem Problem fehlender Daten entgegenzuwirken. Denn die Dunkelziffer dürfte deutlich über dem Schätzwert liegen.

Femizide und andere Formen geschlechtsbezogener Gewalt

Grundsätzlich sind bei Gewaltverbrechen in acht von zehn Fällen Männer betroffen. Bei Partnerschaftsdelikten ist es allerdings genau umgekehrt: Acht von zehn richten sich gegen Frauen. Femizide, die vorsätzliche Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts, geschehen dabei meistens in den eigenen vier Wänden. Das Motiv hinter diesen Tötungen basiert häufig auf  stereotypen Geschlechterrollen und sozialen Normen, ungleichen Machtverhältnissen zwischen Männer und Frauen sowie der strukturellen Diskriminierung gegenüber Frauen und Mädchen.

Dabei muss die Tatperson nicht zwingend aus dem engsten Umfeld des Opfers stammen: Auch Tötungen durch Täter außerhalb des engeren Familien- und Bekanntenkreis, bei denen antifeministische Motive oder ideologische Beweggründe, wie beispielsweise Hassverbrechen aufgrund von sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität oder Sexarbeit nachzuweisen sind, gelten als Femizide. Mit 65 Prozent zählen aktuelle und ehemalige Partner allerdings zu den häufigsten Tätern und Tötungen in heterosexuellen Paarbeziehungen stellen die häufigste Form von Femiziden dar. Einen konkreten Täter-Typus gibt es dabei nicht.

Femizide – ein universelles Problem

Femizide und Gewalt gegen Frauen sind Probleme struktureller Art. Die Zahl der Frauen, die durch ihre (Ex-)Partner oder Familienmitglieder getötet wurden, blieb auch in den vergangenen Jahren stabil – ein Zeichen, dass aktuelle Maßnahmen bislang noch nicht ausreichen, um das Ausmaß der Femizide einzudämmen.

Wie andere Formen von geschlechtsbezogener Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen treten Femizide in allen Regionen der Welt auf. Die höchste absolute Zahl an Femiziden wird dabei in Asien verzeichnet, während gemessen an der weiblichen Bevölkerungszahl die relative Zahl an Tötungen in Afrika am größten ist. Besonders zu Beginn der COVID-19-Pandemie nahmen Femiziden zunächst stark zu – auch in Deutschland. Aus diesem Grund sprach die damalige Sonderberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen, deren Ursachen und deren Folgen Dubravka Šimonović von einer „Pandemie der Femizide“.Grundsätzlich würden sich in Krisenzeiten alle - auch geschlechtsbezogene - Ungleichheiten festigen und die Gewalt an Frauen zunehmen, so Elke Ferner, Vorsitzende von UN Women Deutschland. Allerdings mangele es immer noch an öffentlichem Bewusstsein zu geschlechtsspezifischer Gewalt, beginnend bei alltagssexistischen Äußerungen und endend bei Femiziden.

Geschlechtsbezogene Gewalt und internationales Recht

Der konkrete Begriff des Femizids taucht in internationalen Konventionen bisher nicht auf. Die sehr spezifische Definition im „Statistischen Rahmen zur Messung der geschlechtsbezogenen Tötung von Frauen und Mädchen“, an dessen Ausarbeitung UN-Women und das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung maßgeblich beteiligt waren,  ist deshalb ein wichtiger Schritt zur Förderung des weltweiten Bewusstseins für die Problematik.

Grundsätzlich gehört die Beendigung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu den Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) der Vereinten Nationen: Gemäß SDG 5 sollen alle Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum beseitigt werden. Auf der UN-Ebene ist das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau von 1979 das wichtigste Abkommen zum Schutz von Frauenrechten. Ein Verbot von Gewalt gegen Frauen fehlt hier allerdings. Mit dem Fakultativprotokoll zur Frauenrechtskonvention 1999 führte die Generalversammlung zwei Rechtsbehelfe ein, in dessen Rahmen einzelfallspezifische Frauenrechtsverletzungen untersucht und überprüft werden können: die Individualbeschwerde- und ein Untersuchungsverfahren. Eine UN-Konvention, die ganz direkt Gewalt gegen Frauen anspricht, gibt es bisher nicht.

Im völkerrechtlichen Kontext ist insbesondere das regionale Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt von 2011, auch als ‚Istanbul-Konvention‘ bezeichnet, hervorzuheben. Bis heute haben 37 Staaten – darunter auch Deutschland –die Konvention ratifiziert. Mit der Unterzeichnung verpflichten sich die Vertragsstaaten, ganzheitlich und offensiv gegen alle Formen von Gewalt gegen Frauen vorzugehen. Dabei stützt sich die Istanbul-Konvention hauptsächlich auf Gewaltprävention, Unterstützung und Schutz, strafrechtliche Verfolgung, sowie die Umsetzung politischer Maßnahmen. Der Begriff ‚Femizid‘
 wird auch hier nicht explizit genannt.

Initiativen der UN

Femizide können und müssen vermieden werden – das erkennt eine Studie von UNODC und UN-Women aus dem Jahr 2022 ganz klar an. Die einheitliche Definition, die die Studie anbietet, soll Risikofaktoren für Femizide sichtbarer machen, um ihnen entgegenzuwirken. Die statistische Aufarbeitung der weltweiten Fälle ist essenziell für eine erfolgreiche Prävention. Hierfür initiierte Šimonović bereits 2015 die 'Femicide Watch Initiative', die durch die Aufbereitung vergleichbarer Daten über Femizidraten auf nationaler, regionaler und globaler Ebene geeignete Präventionsmaßnahmen herausarbeiten soll.

Es besteht jedoch weiterhin Handlungsbedarf: Sowohl bei der Datenaufbereitung als auch bei der Formulierung geeigneter Maßnahmen zur Vorbeugung.  Gleichzeitig geht es darum, geschlechtsspezifische Rollenstereotypen aufzubrechen, die schließlich häufig die Grundlage für geschlechtsbezogene Gewalt im Allgemeinen bilden.

Carolin Funcke

 

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