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Ungenutztes Potenzial für Frieden und Sicherheit

Viele junge Menschen leiden unter bewaffneten Konflikten in ihren Heimatländern. Von Entscheidungsprozessen zu friedens- und sicherheitspolitischen Themen sind sie jedoch weitgehend ausgeschlossen. Regierungen verkennen dabei die wichtige Rolle der Jugend als Motor für nachhaltigen Frieden.

Mala Yousafzai, eine junge Frau aus Pakistan mit einem grünen Kopftuch. Als 17-Jährige erhielt sie den Friedensnobelpreis für ihren Einsatz für Frieden und das Recht auf Bildung.
Malala Yousafzai war 17, als sie den Friedensnobelpreis erhielt. Sie setzt sich für Frieden und das Recht auf Bildung ein. (UN Photo/Mark Garten)

Etwa 1,8 Milliarden Menschen auf der Welt sind heutzutage zwischen 10 und 24 Jahren alt. Besonders arme Länder und Konfliktregionen haben eine stetig wachsende, überwiegend junge Bevölkerung. So macht allein Afrikas Jugend zur Zeit 19% der gesamten Weltbevölkerung aus – Tendenz steigend. In konfliktgeprägten Kontexten spielen junge Menschen in zweierlei Hinsicht eine bedeutende Rolle: Einerseits werden sie als Risikofaktor wahrgenommen. Auf Grund ihres jungen Alters und damit verbundenen Orientierungsschwierigkeiten sind sie eine geeignete Zielgruppe für extremistische Organisationen. Gerade auf dem afrikanischen Kontinent rückt die Jugend zunehmend ins Visier von Extremisten, die besonders über soziale Netzwerke gezielt junge Menschen anwerben. Andererseits bergen junge Menschen ein enormes Potenzial. Als Zukunft der Gesellschaft ist es die Jugend, die sich voller Energie für ihre Visionen und Ideale einsetzt. Und sie ist der Teil der Bevölkerung, auf den es ankommt, wenn es um langfristigen, nachhaltigen Frieden geht. Beispiele aus Kolumbien, Afghanistan oder Pakistan haben eindrücklich gezeigt, wie sich gerade junge Menschen gegen Gewalt, für ihre Rechte und für eine friedliche und nachhaltige Beilegung von Konflikten einsetzen.
 

Das falsche Bild vom jungen Rebellen

Trotz ihres Engagements werden junge Menschen jedoch überwiegend mit Konflikt assoziiert – als Rebellen, Verbrecher und zunehmend auch als Terroristen. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hat in seiner Resolution 2250 vom 9. Dezember 2015 dieses Problem der Falschwahrnehmung erkannt und sich zum Ziel gesetzt, die friedensstiftende Rolle der Jugend im Bereich Frieden und Sicherheit in den Vordergrund zu stellen. Aufbauend auf den fünf Säulen Beteiligung, Schutz, Prävention, Partnerschaft und Ausstieg und Reintegration verpflichten sich die UN-Mitgliedstaaten, jungen Menschen im Bereich Frieden und Sicherheit eine Stimme zu geben, sie aktiv in Peacebuilding-Aktivitäten einzubinden und ihnen den Schutz zu gewähren, der ihnen in Konfliktsituationen zusteht. In ihrem letzten Abschnitt ruft die Resolution außerdem den UN-Generalsekretär dazu auf, eine Studie zur positiven Beteiligung junger Menschen an Friedensprozessen und Konfliktlösung durchzuführen und darauf aufbauend Empfehlungen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu formulieren.
 

Die ausgegrenzte Jugend

Die daraufhin 2018 veröffentlichte Studie war eine inklusive, partizipative Studie in deren Verlauf sich 4230 junge Menschen aus 153 Ländern zum Thema Jugend, Frieden und Sicherheit äußerten. Gerade marginalisierte Gruppen, wie junge Flüchtlinge, Jugendliche aus sozial schwachen Milieus oder junge Indigene, kamen dabei zu Wort. Im Rahmen von Diskussionsgruppen sowie bei nationalen und regionalen Konsultationen äußerten junge Menschen aus aller Welt ihre Meinungen, Standpunkte, Sorgen und Visionen zum Thema Frieden und Sicherheit. Das Ergebnis ist ernüchternd. Junge Menschen sind sowohl von sicherheitspolitischen Entscheidungen als auch von Friedensprozessen und -initiativen weitestgehend ausgeschlossen. Und nicht nur das. Die Studie zeigt auf, dass junge Menschen generell mit Ausgrenzung konfrontiert sind, die sie an einer sinnvollen Teilhabe am gesellschaftlichen Leben hindert. Gerade mangelnde politische Partizipationsmöglichkeiten werden als Ursache für die strukturelle Ausgrenzung vom politischen, sozialen und wirtschaftlichen Leben gesehen. Abgesehen davon, dass junge Menschen von Erwachsenen und Entscheidungsträgern oft unterschätzt oder gar instrumentalisiert werden, sind sie – trotz ihres demographischen Gewichts – in der Politik chronisch unterrepräsentiert. Besonders bezeichnend ist erneut das Beispiel Afrikas, wo das Durchschnittsalter der Präsidenten bei 62 Jahren, das Median-Alter der afrikanischen Bevölkerung jedoch gerade einmal bei 19,5 Jahren liegt. Entsprechend fordert die Jugend neben mehr Beteiligungsmöglichkeiten in der Politik das Überwinden von negativen Stereotypen ihnen gegenüber, Investitionen in ihre Ideen und Projekte sowie einen Dialog auf Augenhöhe mit politischen Akteuren.
 

Mehrwert erkannt

Als Teil der Jubiläumskampagne UN75 diskutierte Generalsekretär Antonió Guterres Anfang 2020 mit Jugendlichen. (UN Photo/Mark Garten)

Die Beteiligung der Jugend an politischen Entscheidungsprozessen birgt gerade für Konfliktregionen eine doppelte Chance. Sie kann junge Menschen davon abhalten, sich aus Frustration, Perspektivlosigkeit oder Enttäuschung extremistischen Gruppen anzuschließen. Und sie sorgt für mehr Nachhaltigkeit von Friedensabkommen. Dieser zweite Aspekt wurde sowohl in der Resolution 2419 (2018) des UN Sicherheitsrats als auch in einem im März 2020 dem US Repräsentantenhaus vorgelegten Gesetzesentwurf explizit aufgegriffen. Während die Resolution konkrete Beispiele für die aktive Beteiligung junger Menschen an Friedensprozessen präsentiert, setzt sich der amerikanische Gesetzestext für die Einbeziehung junger Menschen in Friedensprozesse, die Weiterbildung in diesem Bereich und ihre Beteiligung an Entscheidungsprozessen auf allen Ebenen ein.

Aktuell wird die so genannte YPS (Youth, Peace and Security)-Agenda von den Vereinten Nationen weltweit durch lokale Projekte vorangetrieben. Der UN-Peacebuilding Fund unterstützt in diesem Rahmen zahlreiche Projekte zur Stärkung der Jugend in Konflikt- und Postkonfliktregionen mit einem Fokus auf dem oft unerkannten Potenzial der Jugend im Bereich Konfliktlösung und Gewaltprävention. Denn gerade auf lokaler Ebene leisten junge Menschen oft einen entscheidenden Beitrag zum sozialen Zusammenhalt.
 

Eine langfristige Integration?

Doch selbst wenn viele Projekte zum Ziel haben, junge Menschen besser in politische Entscheidungsprozesse zu integrieren und die politische Elite für die Beteiligung der Jugend an der Politik zu sensibilisieren, so bleibt offen, ob junge Menschen sich tatsächlich langfristig auf der politischen Entscheidungsebene etablieren können. Denn dies liegt letztendlich an der Bereitschaft der nationalen Politik, junge Menschen als wichtige gesellschaftliche Akteure ernst zu nehmen – insbesondere, wenn es um Frieden und Sicherheit geht. Und es liegt auch in der Hand der jungen Menschen selbst, von ihrer Macht als Wählerinnen und Wähler Gebrauch zu machen, sich zu mobilisieren und politische Entscheidungsträger, die die Jugend nicht berücksichtigen, konsequent abzuwählen. Die UN können zumindest in einem ersten Schritt dazu beitragen, dieser Jugend eine Stimme zu geben, ihre Potenziale aufzuzeigen und die Grundlagen für ein langfristiges Vertrauensverhältnis und eine Partnerschaft auf Augenhöhe zwischen jungen Menschen und politischen Akteuren zu schaffen.

Rebecca Fleming

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