Konflikte & Brennpunkte

ZAR: Am Rande der Anarchie

Ein Milizionör hält sein Messer in die Kamera.

Anti-Balaka-Kämpfer warten auf Flüchtlingskonvois am Rande der Hauptstadt Bangui. Entscheiden sich Muslime zur Flucht, werden sie oft von christlichen Milizen wie diesen gejagt. Foto: Till Muellenmeister/IRIN

Gut ein Jahr nach dem gewaltsamen Sturz von Präsident François Bozizé durch die muslimische Séléka-Miliz befindet sich die Zentralafrikanische Republik am Rande der Anarchie. Jugendlichen Milizen der christlichen "Anti-Balaka" gelang es zwar, die Séléka-Milizen in den Norden des Landes zu vertreiben. Doch verbreiten diese nun selbst mit Lynchjustiz und grenzenloser Gewalt an muslimischen Einwohnern Angst und Schrecken. Zwar befinden sich afrikanische und französische Truppen im Land, um für Ruhe zu sorgen, doch die unterversorgte MISCA kämpft mit ihrer eigenen Machtlosigkeit.

Die rund 6000 Soldaten der "African-led International Support Mission in the CAR" (MISCA) agieren unter einem Kapitel VII-Mandat des UN-Sicherheitsrats. Theoretisch dürfen sie auch mit Waffengewalt Zivilisten und Flüchtlinge schützen. Stationiert in der Hauptstadt Bangui und in vielen kleinen Orten im Umland, kommt jedoch mittlerweile ihre chronische Unterversorgung zum Tragen. In Sibut, nördlich von Bangui, sind rund 300 gabunische MISCA-Soldaten stationiert. Deren Vorgesetzter, Oberst Marcel Tsoumou beschreibt die Situation, in der sich seine Truppe befindet, als sehr schlecht. Zu Beginn der Mission patrouillierten die Soldaten noch durch die Straßen Sibuts. Einige Dutzend Waffen wurden den örtlichen Anti-Balaka-Milizen abgenommen. Doch dies ist mittlerweile nicht mehr möglich. "Wenn wir die eine Gruppe entwaffnen, dann kommen die Gegner und töten sie", erklärt Oberst Tsoumou. Aufgrund von schlechter Ausstattung und Versorgungsengpässen seien die MISCA-Truppen nicht in der Lage, die Gewalt zu beenden. Mit Gegner meint Tsoumou die Séléka-Milizen im Norden, aber auch andere Anti-Balaka-Milizen aus den Nachbardörfern. Seitdem ihre Feinde zurückgedrängt wurden, greifen sich einige christliche Milizionäre gegenseitig an. Auf eine Waffe will hier daher niemand verzichten.

Ein Konvoi mit Flüchtlingen aud dem dach eines LKWs umringt von Soldaten und Milizionären.
Französische Soldaten beschützen einen Konvoi mit Flüchtlingen vor einem aggressiven Mob in Bangui. Foto: Till Muellenmeister/IRIN

Die Regierung der Zentralafrikanischen Republik rief unterdessen alle Bewohner Banguis auf, jegliche Art von Waffen niederzulegen und auf Demobilisierungsprogramme zu warten. Diskutiert wird nun, inwieweit Anti-Balaka-Milizen aus ländlichen Gebieten geholfen werden soll, den Weg zurück in ihre Dörfer zu finden. Die Afrikanische Union steht solchen Überlegungen allerdings skeptisch gegenüber, da die Milizen letztendlich in Lagern landen würden, in denen sie auf Hilfe von außerhalb angewiesen wären. Vor allem Jugendliche schlossen sich den Milizen an, oft aufgrund hoher Arbeitslosigkeitsraten und hoffnungslosen Zukunftsaussichten, denn auch Schulen wurden zerstört und geplündert. Auch in der Regierung der Zentralafrikanischen Republik hat man dies erkannt. Man könne die Milizen nun nicht einfach in ihre Dörfer zurück senden und sich selbst überlassen. "Sie brauchen sicheren Transport und landwirtschaftliche Werkzeuge, ausgenommen sind natürlich Macheten", erklärte Gaston Mackouzangda, Minister des Regierungsbüros.

Patrouillienfahrzeug vor einem brennenden Leichnahm.
Trotz patrouillierender Soldaten kommt es in Bangui immer wieder zu Lynchmorden. Dieses Opfer wurde im Anschluss auf offener Straße verbrannt. Foto: Nicholas Long/IRIN

Französischen Truppen betrachten solche Pläne als verfrüht. Wer beschützt die entwaffneten Milizen vor den noch immer bewaffneten Séléka? UN-Generalsekretär Ban Ki-moon will diese Frage mit der Entsendung von rund 10.000 Blauhelmen sowie 1800 UN-Polizisten beantworten. Anfang März 2014 forderte er den UN-Sicherheitsrat dazu auf, einer UN-Friedenstruppe ein entsprechendes Mandat zu erteilen. Dies würde vor allem die MISCA-Truppen der Afrikanischen Union entlasten. Auch eine Kontaktgruppe soll eingerichtet werden. Das Engagement einiger afrikanischer Nationen für die Eingreiftruppe ist überaus wichtig. Doch reicht die Anzahl, die Versorgung und die Ausstattung der Soldaten bei weitem nicht aus, um Frieden zwischen den bitter zerstrittenen Christen und Muslimen zu schaffen. Auch die EU plant weiterhin die Stationierung der Eingreiftruppe "Eufor". Einige schwedische Soldaten befinden sich bereits vor Ort. Bisher mangelt es aber vor allem an Koordinierung zwischen den Truppenstellern. Der MISCA-Stab und die französische Führung planen ihre Aktivitäten nicht gemeinsam. UN-Blauhelme und ein zusammengelegtes Kommando könnten die Koordinierung zum Schutz der Zivilbevölkerung zukünftig verbessern. Ban rechnet jedoch mit einer gut sechsmonatigen Vorbereitungszeit der Mission. Auch die afrikanischen MISCA-Soldaten könnten dann bis September in die neue UN-Blauhelmmission eingegliedert werden. Inwiefern sich deutsche Soldaten an den geplanten Missionen beteiligen werden, ist noch unklar. Neben sogenannten Medevac-Flugzeugen der Luftwaffe sind mittlerweile auch deutsche Einheiten für das Hauptquartier in Bangui im Gespräch.

Große Teile der Bevölkerung bangen nicht nur aufgrund der Milizen um ihr Leben. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) warnt vor einer drohenden Nahrungsmittelkatastrophe. "Alle Menschen des Landes, nicht nur die Vertriebenen, sind betroffen und leben mit einem prekären Mangel an Lebensmitteln", schilderte Ertharin Cousin, Direktorin des WFP, nach einem Besuch in Bangui. Mehr als 650.000 Menschen wurden im eigenen Land vertrieben. Rund 290.000 flüchteten in eines der Nachbarländer. In den ersten Monaten des Jahres versorgte das WFP gut 250.000 Menschen monatlich. Bisher waren aber nur 35 Prozent der Finanzierung des ZAR-Programms gesichert. Es könnten durchaus mehr Menschen versorgt werden. "Wir können einem Kind in der Zentralafrikanischen Republik nicht einfach sagen, dass wir ihm nicht helfen können, weil es nicht so wichtig ist wie ein Kind an einem anderen Ort", erklärte Cousin. Neben anderen humanitären Organisationen warnte auch das WFP vor den Auswirkungen mangelnder Finanzmittel. Die Unterstützung für Länder in der Region könne weiter ins Stocken geraten, sollten die Mitgliedstaaten ihre Zusagen nicht einhalten.

Weitere Informationen:

Lynchjustiz und drohender VölkermordUnkontrollierbarer Hass zwischen Christen und Muslimen in der Zentralafrikanischen Republik


Florian Demmler

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