Terrorismus Gendergerechtigkeit & Frauenrechte (SDG 5)

Frauen, Männer und Extremismus

© UN Women/Christopher Herwig

© UN Women/Christopher Herwig

Zahlen bestätigen eindeutig: Gewaltbereiter Extremismus und Terrorismus kosten immer mehr unschuldigen Menschen das Leben. Obwohl im Jahr 2015 die Todesfälle als Folge von Extremismus und Terrorismus im Vergleich zum Vorjahr um zehn Prozent sanken, war dies weiterhin das zweittödlichste Jahr seit dem Beginn der Aufzeichnungen. Die fünf Länder, die am stärksten betroffen waren, sind Irak, Afghanistan, Nigeria, Pakistan und Syrien. 72% aller Todesfälle in 2015 fielen auf diese Länder. Doch Extremismus beschränkt sich weder auf eine Region noch eine Religion. In Kanada und den USA stellen White Supremacist-Gruppen eine der, oder vielleicht sogar die größte extremistische Sicherheitsbedrohung dar. In den Vereinigten Staaten stieg die Anzahl derartiger Gruppen von 42 im Jahr 2008 auf 276 im Jahr 2017.

 

Extremismusprävention und Terrorismusbekämpfung durch die Vereinten Nationen

Im Jahr 2006 einigten sich die VN-Mitgliedsstaaten daher auf eine globale Counter-Terrorism-Strategie mit dem Ziel, effektiv gegen den Anstieg an gewaltbereitem Extremismus und Terrorismus vorzugehen. Im Jahr zuvor wurde bereits die Counter Terrorism Implementation Task Force (CTITF) etabliert. Die CTITF koordiniert die Arbeit der VN zu Terrorismusbekämpfung, basierend auf vier Säulen: (1) Extremismusprävention; (2) Terrorismusverhütung und -bekämpfung; (3) Stärkung der Kapazitäten der Mitgliedsstaaten als auch der VN; und (4) Einhaltung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit bei der Terrorismusbekämpfung. Die VN versuchen damit, zur weltweiten Extremismusverhütung und Terrorismusbekämpfung beizutragen. Definieren tun sie Extremismus und Terrorismus jedoch nicht.

Die Women’s Alliance for Security Leadership bietet hingegen folgende Definition für gewaltbereiten Extremismus: ‚Gewaltbereiter Extremismus sind Überzeugungen sowie Handlungen von Personen, die die Anwendung von Gewalt unterstützen oder selbst ausüben um ideologische, religiöse oder politische Ziele zu erreichen. Dies umfasst Terrorismus und andere Formen von politisch motivierter und gemeinschaftlicher Gewalt. Das übergeordnete Ziel jeglicher Art von gewaltbereitem Extremismus ist, Veränderung durch Angst und Einschüchterung anstelle des Einsatzes von friedlichen Mitteln zu bewirken.’

Im Rahmen der Counter-Terrorism-Strategie der VN galt bis vor Kurzem die meiste Aufmerksamkeit der Terrorismusbekämpfung. Im Januar 2016 legte dann der damalige Generalsekretär Ban Ki-moon der Generalversammlung seinen Aktionsplan zur Verhütung von gewaltbereitem Extremismus vor, um Prävention verstärkt in den Fokus zu rücken. Dieser Aktionsplan betont die Verbindung zwischen gewaltbereitem Extremismus und Terrorismus: Ersterer kann sich zu Letzterem weiterentwickeln. Zudem verlangt der Aktionsplan von den Mitgliedsstaaten, nationale Aktionspläne zu entwickeln, die die Extremismuspräventionsstrategie eines jeweiligen Landes darlegen.

Die Mitgliedsstaaten sind zudem aufgefordert, Elemente wie Konfliktprävention und Dialog, Bedürfnisse und Perspektiven der Jugend, oder auch Aspekte der Geschlechtergleichberechtigung so wie die Stärkung von Frauen in ihre Aktionspläne zu integrieren. Beim Thema Gleichberechtigung verweist der Generalsekretär auf einen essentiellen Zusammenhang: Gleichberechtigung ist eine Angelegenheit von Frieden und Sicherheit.

© UN Photo/Devra Berkowitz
© UN Photo/Devra Berkowitz

Die ‚Women, Peace and Security’ Agenda

Die zentrale Bedeutung von Geschlechterdynamiken in Angelegenheiten zu Frieden und Sicherheit wurde durch die ‚Frauen, Frieden und Sicherheit’ (Women, Peace and Security (WPS))-Agenda in internationalem Recht festgehalten. Den Grundstein für diese Agenda legte die Resolution 1325 (2000) des Sicherheitsrats der VN. Weitere Resolutionen folgten: VN-Resolutionen 1820 (2008), 1888 (2009), 1889 (2009) 1960 (2010), 2106 (2013) und 2122 (2013). Die übergeordneten Ziele der WPS-Agenda sind der Schutz von Frauen und Mädchen vor sexualisierter Gewalt in bewaffneten Konflikten und die Einbindung von Frauen in allen Phasen der Konflitkprävention und -bewältigung.  Die neueste WPS-Resolution 2242 (2015) verlangt, Geschlechterdynamiken bei der Verhütung von gewaltbereitem Extremismus und der Terrorismusbekämpfung zu beachten.

 

Das Geschlecht des Extremismus – wieso es eine Rolle spielt

Doch warum müssen Geschlechterdynamiken beachtet werden, wenn wir über Extremismus und Terrorismus reden? Extremistinnen und Extremisten schränken auf ihrem Siegeszug die Rechte von Mädchen und Frauen ein, wie deren Recht auf Bildung oder deren Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Das Attentat der Taliban auf Malala Yousafzai, die Entführung von ca. 2000 Mädchen und Frauen durch Boko Haram in Nigeria, oder die Versklavung von Jesidinnen durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) sind entsetzliche Beispiele dafür. Die meisten extremistischen Gruppen, vor allem rechtsextreme und religiös-fundamentalistische, basieren auf einem toxischen Verständnis von Maskulinität und haben radikale Vorstellungen von den Rollen von Männern und Frauen in einer Gesellschaft; sie streben die Umsetzung eines extremen Verständnisses von Patriarchat und die Unterdrückung von Frauen an. Deshalb ist auch der Großteil aller gewaltbereiten Extremistinnen und Extremisten sowie Terroristinnen und Terroristen männlichen Geschlechts. Die Unterdrückung von Frauen und das Aufkommen von gewaltbereitem Extremismus hängen zusammen.

Wer langfristige und nachhaltige Lösungen finden möchte, darf den Nexus zwischen Geschlecht und Extremismus nicht vernachlässigen. Frauen seien das beste Mittel im Einsatz gegen Terrorismus, behaupten die Präsidentin von UN Women Phumzile Mlambo-Ngcuka sowie die Hauptautorin der Global Study on the Implementation of United Nations Security Council Resolution 1325  Radhika Coomaraswamy. Denn gleichberechtigte Gesellschaften sind weniger anfällig für gewaltbereiten Extremismus. Frauen und Mädchen sind meist immer die ersten Opfer von gewaltbereitem Extremismus; gleichzeitig sind Gleichberechtigung und ermächtigte Frauen das Fundament resilienter und stabiler Gesellschaften.

Daher muss die Gleichberechtigung von Frauen und Männern sowie die Positionierung von Frauen in Führungspositionen in den langfristigen Bemühungen zur Terrorismusbekämpfung und Extremismusverhütung Priorität haben. Der Ansatz des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), durch entwicklungspolitische Ansätze Extremismus den Nährboden zu nehmen, ist ein Beispiel: Eben den Faktoren entgegenwirken, die Radikalisierung und Extremismus bedingen; und zwar langfristig gedacht, über den kurzfristigen Einsatz von militärischen Operationen hinaus. Eine der Säulen ihrer Arbeit ist die Förderung von Gleichberechtigung und die Stärkung von Frauen. Denn sogar bevor sich gewaltbereiter Extremismus in einer Gesellschaft ausbreitet, sei die systematische Unterdrückung von Frauen und Mädchen der beste Indikator für das, was kommen mag.

© UN Photo/Amanda Voisard
© UN Photo/Amanda Voisard

Frauen sind auch effektive Akteurinnen der Präventionsbemühungen. Nicht nur weil sie meist Extremismus als erstes zum Opfer fallen, sondern auch weil sie aufgrund ihrer gesellschaftlich zugeschriebenen Rollen als Mütter und Managerinnen der Gemeinschaft einen besonderen Zugang zu Mitgliedern der Familie und der Gemeinschaft haben. Sie leisten daher einen wichtigen Beitrag zum Zusammenhalt innerhalb dieser Gefüge. Organisationen und Initiativen wie SAVE - Sisters against Violent ExtremismPAIMAN Alumni Trust, oder das Women Against Radicalisation Network machen sich die genannten Rollen zu Nutze und agieren als Frühwarnsysteme, wenn sie die Radikalisierung eines Familienmitglieds befürchten und bieten alternative Perspektiven zur Radikalisierung.

Auch wenn Frauen zu Täterinnen werden, müssen die Dynamiken dahinter verstanden werden. Frauen machten beispielsweise ein Drittel der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) während des Bürgerkriegs in Sri Lanka aus. Ein Grund hierfür sei der stark militarisierte und maskuline gesellschaftliche Kontext gewesen: Der Griff zur Waffe habe ihnen darin die Möglichkeit gegeben, Missstände zu artikulieren.  Auch wirkte sich die angebliche ‚Befreiung’ von konservativen und limitierenden Geschlechterrollen innerhalb der LTTE attraktiv auf Frauen aus. Zu Rekrutierungszwecken würden viele bewaffnete Gruppierungen wie die LTTE eine an Feminismus angelegte Rhetorik verwenden;  wenige dieser Gruppierungen verschreiben sich jedoch wirklich der Gleichberechtigung in deren politischen Vorhaben. Ähnliches scheint auf die Frauen der FARC-Guerillas in Kolumbien zuzutreffen. Ein Drittel der FARC sind Frauen. Hinsichtlich ihrer Motivation, der Guerilla beizutreten, scheint auch hier die Hoffnung auf eine gleichberechtigtere Behandlung eine zentrale Rolle gespielt zu haben.

Doch nicht nur Frauen werden in patriarchalen Gesellschaften in Geschlechterrollen gepresst. Auch das ‚Mannsein’ wird mit bestimmten Erwartungen verknüpft, die das Verhalten von Männern beeinflussen und bestimmen können. Extremistische Gruppierungen zelebrieren meist toxisches Verständnis von Patriarchat und Maskulinität. Das kann auf Männer eine starke Anziehungskraft ausüben. Eben vor allem in Kontexten, in denen Männer ihre Rolle als Versorger nicht nachgehen können.

 

Militärische Ansätze sind nicht nachhaltig

Drohnen und Bomben können das Gefühl von sozialer und politischer Exklusion – eine Hauptursache von Extremismus – nicht beheben und fördern auch keine resilienten, gleichberechtigten Gesellschaften. Ganz im Gegenteil: Ein ausschließlich militärisches Vorgehen ist nicht nur wenig effektiv, sondern auch kontraproduktiv. Ein solches Vorgehen zerstört zivile Infrastruktur wie Schulen und Märkte, verstärkt das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern, schafft Umgebungen, in denen Mädchen und Frauen verstärkt sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind, es schürt neue „Wir gegen sie“-Ressentiments und folglich ideale Bedingungen für Radikalisierung. Nur langfristige Ansätze, die die zugrundeliegenden Dynamiken und Ursachen von Radikalisierung beachten, können Extremismus nachhaltig verhindern. Geschlechterdynamiken sind ein essentieller Teil davon. Prävention bedeutet, Gleichberechtigung sowie ein alternatives Verständnis von Maskulinität zu fördern.

Doch auch wenn die Stärkung von Frauen und Gleichberechtigung eine entscheidende Dimension der Extremismusprävention und Terrorismusbekämpfung ist, darf beides nicht zum militärischen Instrument werden. Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen muss ein eigenständiges Ziel sein. Sowohl entwicklungspolitisch als auch als Teil der Förderung der Menschenrechte. Die WPS-Agenda darf nicht der Anti-Terrorismus-Agenda untergeordnet werden.

Kristina Lunz

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