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Westafrika: Dschihadisten kämpfen um die Vorherrschaft – und niemand gewinnt

Seit Jahren führt der Terror dschihadistischer Gruppierungen in der Sahelregion zu Gewalt und Vertreibung. Seit kurzem bekriegen sich dort Dschihadisten auch untereinander – und verschärfen so vor allem in einem Land die humanitäre und sicherheitspolitische Lage.

Eine Gruppe von burkinischen Frauen blickt in die Kamera
Mehr als eine Millionen Menschen sind in Burkina Faso auf der Flucht. Dschihadis­tischer Terror ist ein Grund dafür. UNHCR/ Sylvain Cherkaoui

Das altbekannte Sprichwort „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ gilt offenbar nicht mehr unter den beiden größten dschihadistischen Gruppierungen in der westlichen Sahelregion.

Lange Jahre kämpften der Islamic State in the Greater Sahara (ISGS) und die Group to Support Islam and Muslims (JNIM) nebeneinander, teils sogar miteinander gegen Regierungskräfte und für die Errichtung eines islamistischen Gottesstaates in Westafrika. Dies war alles andere als selbstverständlich: Denn die Gruppierung JNIM ist Teil des international agierenden Terrornetzwerkes Al-Qaida, das mit dem „Islamischen Staat“ (IS) – zu dem sich der ISGS zählt – eigentlich verfeindet ist.

Al-Qaida und der sogenannte „Islamische Staat“ befinden sich im Jemen und in Syrien sogar offen im Krieg miteinander. In der Sahel-Region schien dagegen lange die "Sahel-Ausnahme" (Sahelian Exception) zu gelten, wie der Journalist Wassim Nasr die ungewohnte Konstellation nannte. Doch diese hat nun ein Ende gefunden.


Das Ende der Ausnahme: IS und Al-Qaida im blutigen Streit

Im Mai beschuldigte der ISGS in seiner wöchentlich erscheinenden Zeitung Al-Naba den Al-Qaida-Ableger JNIM, keine „richtigen“ Dschihadisten zu sein. Ein Dorn im Auge ist für die IS-Gruppierung insbesondere, dass JNIM in Mali offen Kooperationsbereitschaft mit offiziellen Regierungskräften zeigt und seine dschihadistischen Ziele zu „gemäßigt“ verfolge. Im April etwa kam es im Norden von Burkina Faso zu gewaltsamen Kämpfen zwischen den beiden Terrorgruppen, wo rund 60 Dschihadisten getötet wurden. 

Auf der einen Seite klingt dieser neue Revierkampf zwischen den beiden Terrorgruppen wie eine gute Nachricht: Für potentielle Rekruten werden beide Gruppen weniger attraktiv, da es deutlich weniger plausibel erscheint, gegen eine ideologisch ähnliche Gruppe zu kämpfen als etwa gegen die oftmals verhasste Regierung. Dies könnte beide Terrorgruppen schwächen.

Auf der anderen Seite mobilisieren beide Terrorgruppen für ihre Kämpfe nun womöglich mehr Ressourcen – und polarisieren die Sahelregion so noch weiter. Dabei hilft es nach Einschätzung der International Crisis Group auch nicht, dass Staaten der ECOWAS – der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft – Militärschläge gegen die Terrorgruppen in Erwägung ziehen. Da die Sahelzone aus zahlreichen ethnisch und religiös diversen Gruppen besteht, könnte laut des Brüsseler Think Tanks ein unüberlegter Militärschlag nicht nur unzählige Zivilisten töten, sondern langfristig auch Spannungen zwischen den sozialen Gruppen hervorrufen. Dies könnte in der Folge weiteren Nährboden für Radikalisierung und Dschihadismus in Westafrika schaffen. 
 

UNHCR: Mehr als eine Millionen Menschen sind in Burkina Faso auf der Flucht 

Der dschihadistische Terror bleibt auch für die Zivilisten in der Region nicht ohne Folge. Vor allem in Burkina Faso verschlimmert sich die Lage: Mehr als 1.100 Menschen wurden dort bereits durch dschihadistische Gewalt getötet. 

Der Terror verschärft indes Konflikte, mit denen der Binnenstaat ohnehin zu kämpfen hat. So sind nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen mehr als drei Millionen Menschen akut von Hunger bedroht – das sind rund 50 Prozent mehr als bei der Erhebung im März. Das liege nicht nur an den Langzeit-Folgen des Klimawandels, die in dem Sahelstaat vermehrt zu Dürren und Nahrungsmittelengpässen führen. Auch die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie haben dazu geführt, dass die Leute weniger Einkommen erzielen und so weniger Mittel für knappe Nahrungsmittel zur Verfügung haben. Burkina Faso nimmt einen der letzten Plätze im Human Development Index der Vereinten Nationen ein. 

Diese Entwicklungen führen derweil nicht nur zu einer immer dramatischer werdenden humanitären Situation. Auch sicherheitspolitisch wächst die Sorge, dass Dschihadisten den immer instabiler werdenden Binnenstaat als Einfallstor für Angriffe auf die südlich liegenden Staaten am Golf von Guinea nutzen – wie etwa auf die Elfenbeinküste oder Ghana. Das UN-Büro für Westafrika und die Sahelzone – die UNOWAS – befürchtet in Burkina Faso weitere Destabilisierung durch die Ende des Jahres anstehenden Präsidentschaftswahlen. In solch einer Krisensituation könnten dschihadistische Kräfte im Wahlkampf gezielt Kandidaten unterstützen und beeinflussen – und so die Gesellschaft weiter polarisieren.
 

Eine Koalition gegen den Terror? Internationale Antworten auf die Krise im Sahel

Auch in Europa wächst die Sorge vor einer weiteren Destabilisierung in Westafrika. So bezeichnete Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in einer Rede im Bundestag die Sahelzone als „eine Drehscheibe für Terroristen“, die auch die Sicherheit in Europa bedrohe. Konkret ging es dabei um die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes an der UN-Mission MINUSMA in Mali. Die UN-Mission soll die staatlichen Strukturen Mali stabilisieren und so den Friedensprozess unterstützen. Die Erfolge der Militärmission werden bisher jedoch von mehreren Seiten in Frage gestellt. 

Eine weitere internationale Antwort auf die eskalierende Gewalt im Sahel kommt zusammen mit Frankreich von den G5-Sahelstaaten – also den Länder Mauretanien, Mali, Niger, Burkina Faso und dem Tschad: Die „Koalition für den Sahel“, die Anfang des Jahres unter anderem in Anwesenheit vom UN-Generalsekretär Guterres beschlossen wurde. Diese soll in einem mehrdimensionalen Ansatz nicht nur militärisch, sondern auch die entwicklungspolitisch für mehr Stabilität in der Region sorgen. Auch Außenminister Heiko Maas plant, etwa durch die Ausbildung von Sicherheitskräften die „Koalition für den Sahel“ im Kampf gegen dschihadistischen Terror zu unterstützen

Dies könnte sich jedoch alles andere als einfach gestalten. Dass sich seit kurzem der Islamic State in the Greater Sahara (ISGS) und die Group to Support Islam and Muslims (JNIM) gegenseitig bekriegen, lasse die Konfliktlinien immer weiter verschwimmen – oder wie Flore Berger vom International Institute for Strategic Studies es in einem Interview zusammenfasst: “Wenn die Bewegung dieser Gruppen so fließend ist, wird alles einfach noch schwieriger."

Philipp Nöhr

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